Sie sind hier:Teilnehmer / "Junge Autoren" / Archiv / 

Der Garten des Lebens

Vor langer, langer Zeit wurde in unserem Lande ein Kind geboren, es war ein Knabe.
Als er zum ersten Mal spürte, daß er lebt, sprach eine Stimme zu ihm: "Dieses Leben, dein Leben, ist dir gegeben, nicht als Geschenk, sondern als Leihgabe nur. Bestelle den Garten deines Lebens, wie du es für gut und richtig hältst. Pflanze Bäume und Blumen, lege Wege an und Gewässer und ernte die Früchte deiner Arbeit."
Der Knabe war völlig verwirrt, wußte er doch nicht einmal, was ein Garten ist.

Eines Tages jedoch merkte er, daß sich etwas verändert hatte. Er spürte nicht nur das warme Sonnenlicht, sondern er konnte auch seine Umgebung wahrnehmen. Er sah eine große grüne Fläche, eine sehr saubere, kurzgeschnittene Wiese. Als er sich weiter umsah, erblickte er wunderschöne, makellose Rosen, dunkle Tannen, wie gemalt, eine schöner als die andere. Vereinzelt sah er auch einen Vogel in den Bäumen, hörte leises Zirpen, aber sonst war alles still.
Er schloß in der wohligen Wärme die Augen und schlief ein.

Er hatte viel nützliche Zeit verschlafen. Beim Erwachen war ihm sehr kalt, und er blickte in einen dunklen, grauen Himmel. Die Grasfläche hatte sich in ein giftiges Grün verwandelt, die Tannen standen dicht gedrängt und sahen drohend auf ihn herab, und die Rosen ließen die Köpfe hängen, sie hatten große, dicke Dornen.
Als dann ein kräftiger Sturm losbrach, bekam der Jüngling Angst. Die Tannen bogen sich schwer im Wind, und die Rosen drohten abzubrechen, da ihre geknickten Blüten zu schwer waren. Er fühlte sich sehr einsam.
Da sprach wieder die Stimme zu ihm. "Du mußt den Garten deines Lebens selbst bestellen, es ist niemand mehr da, der es für dich tut. Säe und pflanze und baue Wege, die du auch betreten kannst."
Der Jüngling sprang auf, sah sich in dem unwirtlichen Garten um und lief davon.

Eines Tages - er war sehr lange unterwegs gewesen - kam er an ein Fleckchen Erde, das ihn ganz in seinen Bann zog. Hier schien alles im Einklang zu sein. Es wuchsen Laub- und Nadelbäume, darunter breitete sich eine große Wiese aus, in der blühten so viele verschiedene Blumen, daß er sich nicht satt sehen konnte. Es schwirrte und summte von Bienen und anderen Insekten. Ein Bächlein gurgelte gemütlich durch die Wiese, und in den Wipfeln der Bäume sangen und zwitscherten Vögel aller Arten. Endlich schien auch die Sonne wieder und verwandelte die Wassertropfen am Rande des Baches in leuchtende Edelsteine.

Hier will ich bleiben, dachte der Mann, und meinen Garten richtig bestellen.
Er begann die Wiese zu mähen und die Bäume zu stutzen, er begradigte den Bach und knickte viele Blumen. Als er meinte, seine Arbeit getan zu haben, entdeckte er einen Stein, der ihn (seinen Blick für ein aufgeräumtes Leben) störte. Er begann zu rütteln und zu schieben, der Stein aber bewegte sich nicht vom Fleck. Er bot all seine Kräfte auf, wurde aber zu schwach, da der Boden keine Nahrung mehr hatte und die Bäume keine Früchte. Vor ihm lag ein trauriger Fleck Erde, ohne Vögel, ohne Bienen und Insekten. Da verdunkelte sich der Himmel, und vor lauter Erschöpfung schlief er ein.
Während des Schlafes fröstelte ihn, aber er hatte nicht die Kraft, den Stein zu bewegen.

Eines Tages sprach wieder die Stimme zu ihm: "Dieser Stein ist das größte Hindernis auf deinem Lebensweg. Du hast deinen Garten mißhandelt, so daß er dich nicht mehr nährt."
Er vernahm die Stimme, aber erwachte nicht.

Wieder wuchsen die Gräser, und die Bäume konnten ihre alte Gestalt annehmen, der Bach grub sich sein altes Bett, und die Vögel und Bienen kamen zurück. Der Mann war inzwischen alt geworden.

Da sprach die Stimme noch einmal zu ihm: "Bisher hast du deinen Garten nicht gut bestellt, du hast ihn entweder verwahrlosen lassen oder beherrschen wollen. Versuche das goldene Mittelmaß, dein Lebensweg wird bald zu Ende sein!"

Nachdem der Mann, nun schon fast ein Greis, dies vernommen hatte, erwachte er voller Schrecken. Als er die Augen aufschlug, befand er sich in einer Höhle aus dornigem Gestrüpp und duftenden Blüten. Es bedurfte großer Anstrengung, sich aus diesem Wirrwarr zu befreien.
Als er es endlich geschafft hatte, trat er den langen Rückweg zu dem Ort an, an dem er geboren wurde.
Dort fand er eine Wildnis vor, wie er sie noch niemals zuvor gesehen hatte. Er erinnerte sich an die letzte Mitteilung der Stimme und begann seinen Garten noch einmal neu zu gestalten.

Er schaffte es, die Rosen zum Blühen zu bringen, die Tannen von den Ranken zu befreien, so daß die Nadeln wieder Platz hatten. Er pflanzte noch viele Bäume, und die giftig grüne Wiese wurde zu einem Blumenparadies, durch das ein kleines Bächlein plätscherte.

Es summten wieder Bienen und andere Insekten, für jeden war Platz in Hülle und Fülle. Jeden Morgen weckte ihn ein fröhliches Vogelkonzert und er lebte noch einige gute Jahre in seinem fröhlichen Lebensgarten, den er nun sehr behutsam bestellte.

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter