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Der Nordmann

Der Auslöser war so nichtig. Aber manchmal muss es ja nur das berühmte "Tüpfelchen auf dem i" sein, damit ein Stein ins Rollen kommt und sich nicht mehr stoppen lässt. Der Auslöser war ein Wikingerhelm aus Plastik, aufgegabelt in einer Faschingsabteilung in einem x-beliebigen Kaufhaus. Der Helm erinnerte an "Wicky" aus der Zeichentrickserie oder an die Cartoons von "Hägar dem Schrecklichen". Es sollte ein Gag sein, eine lustige Bereicherung für den Geburtstag meines Mannes. Aus größerer Entfernung sah er richtig echt aus. Das Plastik mit seinen Verzierungen konnte im rechten Licht auch als Metall durchgehen und die Kuhhörner - nun, darüber ließ sich streiten ...

Ein Jahr lang lag der Helm einsam in einer Ecke herum, verstaubte, taugte nur dazu, um manchmal ein Kleidungsstück darüber zu werfen. Ich ahnte nicht, dass im Kopf meines Partners eine außergewöhnliche Idee heranreifte.

Eines Tages schleppte er stolz eine Lanze heran. Selber gebastelt aus einem Holzstab, reich an geschnitzten Ornamenten, die Klinge eines alten Dolches mit einer Lederschnur als Spitze befestigt. Auf einer Messe erstand er, verbissen mit der Verkäuferin feilschend, das Fell eines Gotlandschafes.

Dann schleppte er Jutesäcke heran, schnitt, nähte, härtete die Nähte mit Klebstoff und ich bekam Zimmerverbot, wenn er geduldig und fleißig am Schneidern war.

Wochen später stand er dann überraschend in voller Montur vor mir. In einem Gewand aus Jutesäcken, das Schaffell über der Schulter, den Helm auf dem Kopf, die Lanze in der Hand, Felle um die Füße gewickelt. Er sah fürchterregend aus, wenn er dazu noch grimmig guckte.

Mein Mann offenbarte mir, dass ich die seltene Ehre hätte, ihn in dieser Maskerade auf seinem Pferd zu fotografieren, sobald das richtige Wetter dazu herrschte.

Das Fotoshooting sollte auf dem Stammberg stattfinden. Dort droben lag genügend Neuschnee. Wir würden hoffentlich ungestört bei unserer Aktion sein und vereinbarten, dass ich sein Pferd zum Treffpunkt reiten würde, während er von der befahrbaren Seite des Berges aus seine Verkleidung und meine Fotoausrüstung mitbringen sollte. So ritt ich los, Sattel und Steigbügel unter einer wikingergerechten Decke verborgen. Nach zehn Minuten erinnerte sich der Wettergott daran, dass wir Schnee bestellt hatten, und es fielen erneut dicke, weiße Flocken. Im Nu waren wir genauso weiß wie die Landschaft und es wurde immer ungemütlicher. Wir kamen nur noch langsam voran. Mein Pferd wieherte schrill, auch Floki hätte sich im Stall zu Hause wohler gefühlt. Endlich an dem Plateau angekommen, an dem wir verabredet waren, stand ich vor dem Nichts. Eine märchenhafte Winterlandschaft tat sich vor mir auf, aber von meinem Mann weit und breit keine Spur. Nur Neuschnee, dafür jede Menge Ärger im Bauch, warum ich Idiotin bei dem Wetter mit dem Pferd unterwegs war. Wir kämpften uns durch tiefe Schneeverwehungen. Der Weg war kaum noch zu erkennen. Noch immer nichts zu sehen. Verzweifelt rief ich in die Stille hinein: "Rudolf!" Und aus dieser Totenstille heraus trat schweigend und würdevoll der Wikinger aus dem Wald. Die Lanze rammte er demonstrativ vor sich in den Schnee hinein. Er hatte genügend Zeit gehabt, sich auf diesen eindrucksvollen Moment vorzubereiten, das Auto hatte er weit entfernt gut versteckt.

Vielleicht hätte ich mein Pferd auf diesen erschreckenden Augenblick vorbereiten sollen, denn als Floki die Gestalt erblickte, machte er wie der Blitz auf der Hinterhand kehrt und galoppierte von dannen, als hätte er den wahrhaftigen Teufel erblickt. Nur meiner Sattelfestigkeit hatte ich es zu verdanken, dass ich noch auf dem Pferderücken saß und mein Pferd durchparieren konnte. Da stand es nun, schnaubend, mit weit aufgerissenen Augen und geblähten Nüstern, sog schnorchelnd die Luft ein und war nicht dazu zu bewegen, auch nur einen Schritt auf das Ungeheuer zu zu machen. Unser Wikinger verharrte noch immer bewegungslos an derselben Stelle und Floki fixierte ihn äußerst misstrauisch. "Nun sag doch mal was", fluchte ich, "damit dich dein Pferd als Mensch erkennt. Das hält dich für ein Monster." "Halloooo Floooooki", sagte mein Mann im dunkel verstellten Bariton, was in der Situation nicht sehr hilfreich war. Ich saß ab und kramte in meiner Jackentasche nach einem Leckerwürfel, damit Rudolf sein Pferd damit locken konnte.

Dieser Trick wirkt bei einem verfressenen Pony immer. So schlimm kann ein Monster gar nicht sein, wenn es Leckereien verteilt. Endlich war der Bann gebrochen und Floki beschnupperte die Gestalt. Hatte er seinen Herrn für einen Bären gehalten, mit dem dicken Fell? Oder eher für den berüchtigten Wolf, verkleidet im Schafspelz? Ich übergab dem Pseudo-Wikinger nun die Zügel und nachdem das Pferd überzeugt war, dass das Outfit seines Reiters ungefährlich war, konnte Rudolf, der stolze Recke, aufsitzen und für unsere Fotoserie, mit der Lanze auf imaginäre Feinde zielend, auf seinem Pferd durch den Tiefschnee preschen.

Welch eine Überraschung, als wir am nächsten Morgen die Tageszeitung durchblätterten und folgende Zeitungsnotiz fanden:

Nordmann am Stammberg gesichtet.

Scheßlitz. Winterwanderer hatten von Ferne eine Gestalt im Wald entdeckt, die ihr Misstrauen weckte. Mit dem Fernglas beobachteten sie einen Mann, den sie als mit Fellkleidung und Lanze ausgerüstet beschrieben. Offensichtlich schien er, so ihre Worte, in den Wäldern am Stammberg zu hausen und auf der Jagd zu sein. Zum gesichteten Zeitpunkt hielt er sich beständig in demselben Waldstück auf und verharrte regungslos an einem Ort. Dieses Verhalten erschien den Wanderern so merkwürdig, dass sie die Polizei verständigten. Stunden später entdeckten Beamte an der Stelle jedoch nur unzählige Spuren, aber kein Lager, das auf den Lebensraum eines Yetis schließen ließ. Die zahlreichen Stiefelspuren und

Hufabdrücke erschwerten die Suche erheblich, so dass sie letztendlich abgebrochen werden musste. Haben noch weitere Personen den Nordmann gesehen? Sachdienliche Hinweise an jede Polizeidienststelle.

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