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Der Rekord

Ekki Schnell und ich sind Freunde seit unserer Kindheit. Er war der Frechste und Verwegenste von uns allen, ein kompakter, ungemein beweglicher Bursche, der auch mal was riskierte. Von den alten Zeiten reden wir selten, nur eine Begebenheit holen wir hin und wieder ans Tageslicht. Es ist die Chronik einer atemberaubenden Autofahrt, die Geschichte vom "Rennen gegen die Uhr".

Wir saßen damals zu fünft oder sechst auf der Terrasse vor Folkerts Kneipe, langhaarige Gestalten in Jeans und Turnschuhen. In unseren Gesprächen drehte sich alles um Handball, Mädchen und Autos. Noch nicht lange im Besitz des Führerscheins, waren wir mit den verwegensten Gebrauchtwagen unterwegs.

Wolle, den wir wegen seiner Lockenpracht so nannten, berichtete gerade von einer Rekordfahrt auf unserer Lieblingsstrecke. "Achtzehn Minuten bis Kassel Ortsschild", warf er augenzwinkernd in die Runde und erntete Grölen und mitleidiges Lächeln. Die Strecke war nicht unter zwanzig Minuten zu schaffen, schon gar nicht mit Wolles museumsreifem Renault.

Am Nachbartisch erhob sich Johann Kress, genannt Johnson, und stakste auf dürren Beinen zu uns hinüber. Johnson war ein wenig älter und unterschied sich schon durch sein Äußeres von uns. Er trug die dunklen Haare kurzgeschnitten und lief meist in schwarzen Stoffhosen und feinen Schuhen durch die Gegend. Seine Lederjacke zog er auch bei dreißig Grad im Schatten nicht aus. Die Sonnenbrille, die seine stechenden dunklen Augen verdeckte, gehörte zu seiner Grundausstattung.

Johnson war eine Null im Handball und auch sonst nicht der Stärkste, doch seltsamerweise gab er bei den Jungs seines Alters immer den Ton an. Nun stand er vor uns und knallte seinen Autoschlüssel auf die Tischplatte. "Dreißig Minuten bis Kassel", sagte er gedehnt, um eine Sekunde später hinzuzufügen: "Hin und zurück!"

Schweigen. Autofahren trauten wir ihm immerhin zu, er fuhr den abgelegten Ford seines Vaters - ein braunes Ungetüm mit über hundert PS - und galt als Raser. Aber was er da zum Besten gegeben hatte, das war nicht zu schaffen, Irrsinn in unseren Augen, unmöglich.

Ekki fasste sich als erster: "Beweisen", sagte er und bekam ein souveränes "Jederzeit" als Antwort. Keiner von uns glaubte Johnson damals, doch seine Selbstsicherheit brachte mich ins Grübeln.

Der Abend war jedenfalls gerettet. Es war Samstag, dazu Sportschauzeit, das verhieß wenig Verkehr. Die Bedingungen waren optimal, die Regeln schnell aufgestellt. Der Kilometerstand wurde notiert, Start war direkt vor der Kneipe, Zeiterfassung durch Wolle mit Stoppuhr, Ekki kam auf den Beifahrersitz als Zeuge.

Noch heute schmunzele ich über die Startvorbereitungen. Johnson stieg ein und brachte umständlich Sitz und Rückenlehne in Position. Dann zog er ein Paar dünne Lederhandschuhe aus dem Handschuhfach, streifte sie über und machte einige Fingerübungen.

"Fehlt nur noch die Pilotenbrille", sagte ich grinsend zu Wolle, doch Johnson hatte noch mehr auf Lager. Er drehte die Seitenscheibe ganz nach unten und wies Copilot Ekki an, das gleiche zu tun. "Wegen der Straßenlage", erklärte er beiläufig, "bringt mehr Anpressdruck!"

Der Start: Johnson nahm mit seinem Wagen Aufstellung auf der Dorfstraße und wärmte mit kurzen Gasstößen den Motor an. "Noch fünf Sekunden", brüllte Wolle, worauf der Motorenlärm anschwoll. Das Signal aus Wolles Trillerpfeife ging im Quietschen der Reifen und unserem Gejohle unter. Der Start war imponierend. Johnson hatte zwei lange schwarze Streifen auf den Asphalt gebrannt, bevor er schlingernd in der scharfen Linkskurve Richtung Ortsausgang entschwand, einer wilden Fahrt entgegen.

Die Linkskurve mündete in eine lange, ansteigende Gerade. Die letzten Häuser unseres Dorfes flogen vorbei, und Johnson jagte den Ford unter gewaltiger Geräuschkulisse den Berg hinauf. Als er am Ortsende im Bruchteil einer Sekunde den dritten Gang einwarf, die anschließende Kurvenkombination optimal erwischte und dabei messerscharf an der Leitplanke entlang rauschte, regte sich in Ekki erstmals so etwas wie Respekt.

Die Lippen zusammengekniffen und voll konzentriert, steuerte Johnson den Wagen mit kurzen, präzisen Bewegungen. Selbst als es mit unglaublichen neunzig Sachen an den Obstgärten vorbeiging, wirkte er völlig ruhig. Scharf schnitt der Fahrtwind durchs offene Fenster, und Ekki hätte gut und gerne die Leitpfosten auf seiner Seite berühren können, wenn das Tempo weniger rasant gewesen wäre.

Johnson forderte den Wagen voll, holte alles heraus auf der kurzen Geraden. Scharfes Abbremsen, der Ford röhrte aggressiv, als Johnson mit Zwischengas in den Zweiten schaltete und durch die Kehre am Wäldchen bretterte, dass einem schwindelig werden konnte. "Hier geht`s um jeden Millimeter", kommentierte er gepresst die Situation, während er schon wieder auf dem Gas stand.

Dann führ er in den Graben. Einfach so. Es war eine eher harmlose, sanft auslaufende Rechtskurve, in der der Wagen ein wenig zu schaukeln begann. Johnson wurde plötzlich hektisch und kurbelte wie wild am Lenkrad, doch der Ford nahm seinen eigenen Weg, schlidderte quer über die Straße und rutschte fast gemächlich in den Straßengraben. So als hätte er genug. Kein Krachen, kein Klirren war zu hören, nur eine leichtes Ächzen, als er zum Stehen kam.

Ein paar Sekunden lang war alles still. Ekki brauchte all seine Selbstbeherrschung, um nicht laut loszulachen. Johnsons Reaktion war immerhin erstaunlich. "Der Wagen ist meiner Fahrweise nicht gewachsen", sagte er achselzuckend, "lass uns die Karre wieder flott machen." Damit war die Sache für ihn erledigt.

Der Rest ist schnell erzählt. Irgendwann kam ein Landwirt aus dem Nachbarort mit seinem Schlepper vorbei, und befreite sie aus ihrer misslichen Lage. Der Wagen war fast unversehrt und - was viel wichtiger war - es gab keine Augenzeugen aus unserem Dorf. Und weil so ein Erlebnis verbindet, beschloss auch Ekki dichtzuhalten.

Wir saßen längst in der Kneipe, als die beiden nach Stunden zurückkamen. Johnson tischte uns die Geschichte auf, sie waren in Kassel ganz gemütlich Essen gegangen und außerdem hätte doch wohl keiner im Ernst daran geglaubt, daß er den Irrsinn mit dem Rennen wirklich durchzieht und so weiter und so fort. So etwas beherrschte er perfekt, und wir gingen ihm einmal mehr auf den Leim.

Erst viele Jahre später entschied Ekki, dass die Zeit reif sei für die Wahrheit, und so amüsieren wir uns heute noch über das "Rennen gegen die Uhr". Auch die zurückgelegte Entfernung haben wir ermittelt. Es waren genau fünfhundertundachtzig Meter.

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