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Die Liebe seines Leben

"Leb wohl, Susanne, Liebe meines Lebens. Ich werde dich vermissen, dich niemals vergessen." Bernd Hamann hatte Tränen in den Augen, als er am Grab der Frau stand und still und einsam von ihr Abschied nahm. Sie waren nur drei Monate ein Paar, aber diese Zelt reichte ihm um zu wissen, daß sie ohne einander nicht mehr sein wollten. Das Leben schien ihm nach diesem Verlust sinnlos, und er wußte nicht, wie er es ohne sie weiterführen sollte. "Aber irgendwie muß es weitergehen, auch wenn es nie wieder so sein wird wie früher." Bernd mußte sich mit Gewalt zwingen, sich von Susanne endgültig zu verabschieden. "Es wird Zeit", flüsterte er in die Nacht - und begann das Grab zuzuschaufeln.

Hamann war nicht nur der - einzige - Trauergast, er war auch gleichzeitig Totengräber. Gestern hatte er die halbe Nacht in diesem einsamen, nur vom Mondschein erhelltem Waldstück eine Grube ausgehoben, um Susannes Leichnam zur letzten Ruhe zu betten. Und wenn er jetzt gleich - um 10 Uhr abends - anfing zu arbeiten, würde er die Grube bis 2 Uhr morgens locker wieder planiert haben. Ungebetene Gäste hatte er kaum zu erwarten, diese urwaldartige Stelle erreicht man nur durch dorniges Gestrüpp, das kaum jemand ohne triftigen Grund überwindet. Vor allem nicht um diese Uhrzeit. Hamann überwand es sogar mit einer Leiche im Schlepptau und es erwies sich als nützlich, daß sie noch warm, die Gelenke also noch geschmeidig waren. Ihre Restwärme war nicht weiter ungewöhnlIch, schließlich hatte er sie erst vor einer Stunde erschlagen.
In seinen Augen hatte sie ihm gar keine andere Wahl gelassen. Er hatte nicht gewollt, daß jemand aus ihrem Umfeld ihn kannte. Als er sich nach drei Monaten noch immer weigerte, ihren Freunden vorgestellt zu werden, gab sie ihm den Laufpaß. Susanne fuhr ganz einfach ohne ihn eine Woche in die Tiroler Berge und hatte sich nach ihrer Rückkehr nicht mehr gemeidet. "Du wärst ins Verderben gelaufen, so ganz ohne mich! Hätte ich einfach so zusehen sollen?" murmelte Hamann beim Schaufeln. Er hatte sich um eine Aussprache bemüht - erfolglos. Also blieb als letzter Ausweg nur, sie vom Unglück eines Lebens ohne ihn zu erlösen. "Ich wollte ja nur das Beste für dich!"

Er hatte Susanne in ihrer Wohnung aufgelauert, um ihr ein letztes Mal die Chance zu geben, doch noch den Rettungsanker zu ergreifen. Mit heller Freude hätte er das bereits ausgehobene Grab wieder zugeschaufelt. Aber Susanne war unbelehrbar. Sie zog es vor zu ertrinken, oder zumindest den Rest ihres Lebens vor sich hin zu vegetieren. Er erlöste sie von ihren "Qualen" mit einem simplen Kerzenständer, der ihrer Schädeldecke einen leichten Herman-Munster-Look gab.

Nachdem er das Blut weggewischt und seine Fingerabdrücke fein säuberlich von allen Gegenständen entfernt hatte, packte er ihre Leiche in einen - für alle Fälle - mitgebrachten Müllsack und marschierte damit seelenruhig durch das Stiegenhaus in die Tiefgarage. Kein Mensch begegnete ihm! "Gott ist mit mir, also ist mein Handeln richtig!"

Bernd Hamann wurde zeitgerecht mit dem Begräbnis fertig, anschließend begann er für Susanne zu beten. Danach bekreuzigte er sich und wandte sich zum Gehen. Er blickte nach links, und erkannte im Schein des Vollmonds, keine drei Meter von seiner Position, eine kleine Einbuchtung in der Wiese, die man beim flüchtigen Hinsehen gar nicht entdeckt hätte. "Es ist ein wenig eingesunken, seit ich zuletzt hier war", stellte Hamann fest, als er wehmütig zu dieser Stelle hinüber blickte. Es war Katjas Grab; Katja, die verflossene Liebe seines Lebens.

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