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Martin und Eva

In Momenten wie diesen vermisste Eva ihren Martin ganz besonders. Sie stand auf der hohen Leiter und mühte sich damit ab, die noch feuchten schweren Samtvorhänge wieder in die Messingringe einzuhaken. "Mensch Martin, früher hast du mir die schweren Dinger angereicht, wenn du denn mal zu Hause gewesen bist."

Vor fünf Jahren hatte Martin seine Eva verlassen, einfach so, ohne Vorankündigung, ohne Warnzeichen. Am Abend hatten sie noch gemütlich beisammen gesessen, ein Glas Wein getrunken und im Fernsehen einen Tierfilm angesehen. Seit seiner Pensionierung interessierte er sich nicht nur plötzlich für Wirtschaft und Politik, sondern hatte auch sein Herz für Tiere entdeckt.

Am nächsten Morgen hatte er dann einfach leblos in seinem Bett gelegen.

Nach dem fürchterlichen Schock war ihr bewusst geworden, dass sie nun allein mit den zwei Hunden in diesem riesigen Haus leben musste.

Es war in einen Südhang gebaut und erhob sich über vier Etagen. Ganz unten befanden sich die drei Garagen mit einem technischen Versorgungsraum. Darüber befand sich die Wohnung ihrer Eltern, auch sie waren inzwischen verstorben, das Schwimmbad mit Whirlpool, die Sauna, der Kraftraum mit den Bodybuilding-Geräten, ein kleines Bad und ein riesiger Keller.

Eine Treppe höher lag der Wohnbereich mit Wohnzimmer, Kaminzimmer, Esszimmer, Küche, Toilette, Büro und Hobbyraum, zirka 180 Quadratmeter. Dann ging es noch einmal ein Stockwerk in die Höhe. Hier waren die Schlafzimmer, das Gästezimmer, ein geräumiges Bad und ein Hausarbeitsraum, den man dem Badezimmer abgerungen hatte, sonst wäre es weit über dreißig Quadratmeter gross gewesen. Dazu gab es noch riesige Balkone und Terrassen.

Der Garten von 25 Ar war schön angelegt, mit einem Wasserfall und einem Teich, in dem man im Sommer baden konnte.

Als schließlich noch einer der beiden Hunde starb, die Schäferhündin, wie sie schon in die Jahre gekommen war, mit deren Tod hatte sie gerechnet, nahm sie Verbindung zu Martin auf.

"Sag mal, kann man Haus und Garten nicht einfach um die Hälfte schrumpfen lassen? Ich schaffe das alles einfach nicht mehr, es ist so leer geworden, seitdem ihr gegangen seid, und außerdem werde ich nicht jünger, weißt du überhaupt, dass ich neulich sechzig geworden bin?"

"Was heißt hier schrumpfen", antwortete Martin, "denk daran, dass es uns nicht groß genug sein konnte."

"Ja sicher, uns. Wie stellst du dir denn das vor, bitte schön, wie soll ich das alles alleine schaffen?" fragte sie und raufte sich die kurzen, grauen Haare. "Ich kann nicht mehr!"

"Du brauchst gar nicht laut zu werden, ich verstehe dich auch, wenn du nur in Gedanken zu mir sprichst, also nimm dich zusammen."

"Mensch Martin, ganz wie früher, aber bei Liebesfilmen hattest du auch manchmal einen Kloss im Hals, stimmt´s?"

"Ja schon, aber jetzt möchte ich dir einfach einen Rat geben, helfen kann ich dir bei dem Unternehmen nicht. Wenn dir das Haus zu groß geworden ist, warum füllst du es nicht einfach mit Leben? Viele alte Menschen suchen einen Platz, wo sie bleiben können und du hast den Platz. Die meisten können sich so einen Platz nicht leisten, du könntest sie aufnehmen. Was hältst du davon, Eva?"

"Das ist doch wohl nicht dein Ernst?" zweifelte sie.

"Doch, hast du nicht immer gesagt, wenn du alt bist und noch fit, willst du ehrenamtlich alte Menschen pflegen, hast du, oder hast du nicht?"

"Ja schon, aber wie stellst du dir das vor?"

"Na, das ist doch das Einfachste von der Welt, du musst vergrößern."

"Was? vergrößern?"

"Klar", meinte Martin. "Das ist doch ganz nahe liegend, denk schon mal darüber nach wie und nach welcher Seite du das machen willst."

Sie haben noch viele Gespräche geführt und Eva hatte sich immer wieder zu wehren versucht. Aber schon zu Martins Lebzeiten war es ihr nur selten gelungen.

Also hatte Eva sich beim Rathaus erkundigt, ob so etwas überhaupt möglich sei. Es war möglich. Sie durfte in ihrem eigenen Haus Menschen aufnehmen, ganz wie sie wollte.

Zu einem Umbau konnte sie sich aber nicht entschließen, erst mussten einmal die vorhandenen Räumlichkeiten genutzt werden.

Aber für welche Menschen sollte sie sich entscheiden?

"Martin, was meinst du, wen soll ich als erstes fragen?" dachte Eva in einer schlaflosen Nacht.

"Vielleicht Bellinda, sie ist ja auch schon einige Zeit alleine. Ihre drei Kinder sind mit sich selbst beschäftigt, sie würde dein Angebot sicher annehmen und ihr versteht euch doch gut", antwortete Martin.

"Du meinst, ich sollte erst einmal im Freundeskreis nach fragen?"

"Ja, das meine ich, und nun komm in die Gänge, sonst läuft dir die Zeit davon."

Eva mochte Bellinda sehr und sie kannten sich schon seit vielen Jahren. "Aber Martin, stell dir vor, Bellinda sagt zu, sie ist so dick und kommt jetzt schon ganz außer Atem, wenn sie die dreißig Stufen bis zur Haustür hochsteigen muss. Aber eigentlich hast du recht, sie ist meine beste Freundin."

Bellinda hatte sofort zugestimmt, der Einzug war schnell erledigt und nun waren sie schon zu zweit. Sie ergänzten sich prima. Bellinda war eine hervorragende Köchin und Eva kümmerte sich ums Haus und die handwerklichen Arbeiten, die sie selbst erledigen konnte. Sie hatte von Martin viele Tricks gelernt und konnte mit fast allen Werkszeugen recht gut umgehen.

Dann starb Rosi´s Mann, auch sie zog bei Eva ein. Rosi war das krasse Gegenteil von Bellinda. Sie war hager und hochgewachsen, hatte eine tiefe rauchige Stimme und war eine überaus patente Frau. Auch sie hatte die Neigung zum Handwerklichen und stand ganz auf der praktischen Seite des Lebens. Zudem war Rosi ein großer Gartenfan und fand ein ausreichendes Betätigungsfeld. Bis zum Tode ihres Mannes hatte sie in der Stadt gewohnt, aber ihr größter Wunsch war es immer gewesen auf dem Land zu leben.

Eva stand immer noch auf der Leiter und mühte sich mit den schweren Vorhängen ab. Martin hatte sich schon seit einiger Zeit nicht mehr bei ihr gemeldet, aber sie hatte es sich so sehr angewöhnt mit ihm zu sprechen, dass sie es immer wieder tat, auch wenn sie keine Antwort zu erwarten hatte.

"Sag mal, Eva", sagte Rosi mit ihrer rostigen Stimme. Sie war gerade aus dem Gemüsegarten hereingekommen, um Bellinda Kohlrabi für das Mittagessen zu bringen. "Was hältst du davon, wenn wir Trudi fragen, ob sie zu uns ziehen will. Sie ist doch auch noch ganz fit und putzt für ihr Leben gern, dann bräuchten wir auch keine Haushaltshilfe mehr. Zu viert schaffen wir das sicher doch mit links und Trudi hätte ein schönes Betätigungsfeld, sie würde sicher gern zu uns kommen."

"Liebe Rosi, wenn du mir jetzt bei den Vorhängen hilfst, können wir darüber reden."

"Musst du nicht erst noch Martin fragen?" grinste Rosi.

"Ich kann es ja mal versuchen, aber eine Antwort habe ich schon lange nicht mehr von ihm bekommen. Ich nehme an, er weiß uns alle gut versorgt."

"Ja, ja", lachte Rosi, "dann ist er wohl endgültig von dir gegangen!" Sie hatte sich schon immer ein wenig über Evas Unterhaltungen mit Martin amüsiert.

Eva versuchte noch ein letztes Mal mit Martin zu reden.

"Was meinst du, haben wir alles richtig gemacht und sollen wir Trudi auch zu uns nehmen?"

"Ja, meine Damen, ihr macht das alles prima und Trudi passt doch bestens in den Club. Nur, wenn ihr euch noch weiter vermehren wollt, solltest du vielleicht doch einen Anbau ins Auge fassen."

"Mensch Martin, du bist ja doch noch da. Weißt du, es ist schon einfacher mit dir im Rücken, wenn mich die anderen auch für ein wenig sonderbar halten. Mach´s gut, du Knurrhahn. Irgendwann sehen wir uns sowieso wieder." "Das will ich doch hoffen, aber lass dir ruhig noch Zeit, ich laufe dir nicht weg, das kann ich fest versprechen."

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