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Katrin sammelt Leben

Anneliese putzt Möhren. Kathrin soll am Küchentisch ihre Hausaufgaben machen. Sie hält aber nur den Kopf in die aufgestützte Hand, in Gedanken versunken. Man hört nichts als das sanfte Schaben des Kartoffelschälers.

"Anneliese?", fragt Kathrin zaghaft.

"Hm?"

"Ich sammele jetzt Leben!"

Kathrin sammelt so ziemlich alles, Plüschtiere, vollgeschriebene Schulhefte, Reste von Radiergummis, abgefallene Knöpfe, Steine und einiges mehr. Anneliese versteht aber nicht, was Kathrin jetzt meint. Sie wartet ab. Sie hat gelernt, dass man mit Kathrin viel Geduld haben muss. Das ist wie beim Kochen. Man muss die Zeit haben, bis alles gar ist. Die Möhren sind geputzt. Anneliese wäscht jede einzelne gründlich unter fließendem Wasser.

"Soll ich es dir mal zeigen?", schlägt Kathrin vor.

Kathrin springt auf, verschwindet und kommt mit einem Heft wieder, das sie auf die Arbeitsplatte legt. Sie bittet um eine Möhre und verzieht sich wieder an den Küchentisch. Dort lässt sie den Sonnenstrahl durch das Fenster mal in das rechte und mal in das linke Auge scheinen. Zwischendurch beißt sie krachend in die Möhre.

Anneliese dreht den Wasserhahn zu, trocknet sich die Hände im Rock ab und nimmt das Heft. Auf der ersten Seite steht in sorgfältig gezeichneter Kinderschrift: "Hanna. Zehn Jahre alt. Sie kann nicht laufen und nicht sprechen." "Wer ist Hanna?", wundert sich Anneliese und schaut zu Kathrin, die weiter in die Sonne blinzelt und unbeteiligt tut.

"Das ist die Schwester vom Simon."

"Und wer ist Simon?"

"Das ist der Freund vom Markus."

"Ach so!"

Anneliese betrachtet die blinzelnde Kathrin noch einen Moment nachdenklich und blättert dann die Seite um. "Michael. Sechs Jahre alt. Er soll ab sofort aufs Gymnasium."

"Michael ist das Wunderkind aus deiner Klasse, nicht wahr?", will Anneliese etwas verlegen wissen, als wäre das Heft zu persönlich. Kathrin nickt.

Auf der dritten Seite steht: "Janine. Acht Jahre alt. Sie klaut alles, was sie findet."

"Janine klaut?", Anneliese schüttelt den Kopf. "Patrizia. Fünf Jahre alt. Sie wohnt bei Anneliese auf der Arbeit im Kinderschutzhaus. Sie glaubt, sie hat ein Baby im Bauch."

Die restlichen Seiten sind leer. Anneliese weiß nicht, was sie sagen soll. "Schön!", meint sie schließlich und gibt Kathrin das Heft zurück, die sich jetzt in ihre Rechenaufgaben vertieft hat. Anneliese stellt die Möhren auf den Herd. "Was der so einfällt!", denkt sie, plötzlich ganz vergnügt. Abends vor dem Fernseher zeigt sie Helmut das Heft, das sie heimlich aus Kathrins Ranzen geholt hat. "Guck mal! Kathrin sammelt Leben!" Helmut lacht. "Welch eine Idee!"

Das Heft lässt Anneliese nicht los. Spät Nachts steht sie noch einmal auf und setzt sich an den Küchentisch. Während sie vor Anstrengung die Zunge zwischen die Lippen klemmt, malt sie in gewollt kindlicher Schrift auf die fünfte Seite: "Kathrin. Acht Jahre alt. Sie ist mit einem Jahr ins Heim gekommen. Seit drei Jahren lebt sie bei Anneliese und Helmut." Einen Augenblick überlegt Anneliese besorgt, ob Kathrin ihr eigenes Leben wohl auch als Leben sammeln will. Dann verstaut sie das Heft entschlossen wieder in der Schultasche.

Als Kathrin am nächsten Tag aus der Schule kommt, ist sie schweigsam wie meistens. Anneliese wartet ab. Beim Mittagessen, zu dem es die Reste des Möhreneintopfs gibt, fragt sie: "Hast du wieder Leben gesammelt?" Kathrin schüttelt den Kopf.

Aber bevor sich Kathrin an die Hausaufgaben macht, geht sie zu Anneliese, die auf der Terrasse in der Sonne eine Zigarette raucht, und gibt ihr einen Kuss. Es ist eigentlich kein Kuss - die Lippen berühren die Wange nicht und bleiben unbewegt - es ist mehr die Andeutung eines Kusses, die verängstigte Sehnsucht danach. Anneliese streicht Kathrin erleichtert übers Haar. Kathrin will ihr Leben wohl doch als Leben sammeln.

Abends schaut Anneliese noch einmal gespannt in das Heft. Es gibt zwei neue Eintragungen: "Maria. Neun Jahre alt. Sie ist normal." Und: "Anna. Sieben Jahre alt. Sie hat immer Angst, dass die Mutter nach Thailand verschwindet."

Anneliese freut sich über diese Sammlung Leben wie über eine wertvolle Perlenkette. Sie freut sich, dass sie Kathrins mittendrin aufgefädelt hat.

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