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Eine nicht alltägliche Begegnung
Vor uns lag der 2037 Meter hohe Steinkogel.
Der Gipfel, angestrahlt von der aufgehenden Morgensonne, lud zum Besteigen ein. Aus Krombach, unserem Urlaubsort, waren wir mit dem Bus nördlich um den Steinkogel herumgefahren. Von Osten her, so hieß es, ließe er sich leichter besteigen.
Wir, das waren Erich, der stets vorauseilende Techniker, Manfred, der behäbige Industriemeister, und ich, der als Fahrlehrer das Zufußgehen nicht gerade erfunden hat. Der ständig schmäler und steiler werdende Steig verlief im Zickzackkurs. Wir hatten Mühe, ihn zu erklimmen.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, die Mittagszeit rückte näher und wir hofften, bald an der Moos-Alm anzukommen. Für einen Augenblick blieben wir stehen und genossen wieder einmal die bildschöne Landschaft. "Schaut! Die Kirche ... das ist Krombach." Erich hatte unseren Urlaubsort als Erster erkannt. Wie ein Spielzeugdorf lag der Ort tief unter uns in der Mittagssonne. Wir waren verwundert.
"Dann haben wir den Kogel bei unserem Aufstieg, ohne es zu bemerken, bereits halb umrundet", versuchte Manfred zu klären. Ich wollte gerade antworten, aber dann verschlug es uns allen dreien die Sprache. Hier an der steileren Westseite kam ein etwa 10-jähriger Knabe den Berg hochgestiegen. Ausgerüstet war er mit zwei Stöcken, die ihn zwar um einiges überragten, die er aber dennoch gezielt einzusetzen verstand.
"Grüß Gott!" begrüße er uns. Ich ergänzte seine Worte mit einem: "So hoch wollen wir heute nicht." Prompt erwiderte der kleine, clevere Bergsteiger: "Gott ist nicht nur da ganz oben, wo Sie ihn glauben. Er ist überall, sagt meine Oma." - Ich war beschämt und stellte ihm, um abzulenken, die Frage: "Wie heißt du eigentlich?" ,,Josef. So rufen mich auch meine Eltern, aber Oma sagt immer Seppel zu mir. Sie dürfen auch Seppel zu mir sagen", fügte er gleich hinzu.
Er sah auch wirklich wie ein Seppel aus.
Mit seinem fingerhutähnlichen Tirolerhütchen, das mit einer langen Feder verziert war, der Kniebundhose, die durch bunte Hosenträger gehalten wurde, und den karierten Kniestrümpfen und den derben Wanderschuhen. Er trug einen kleinen Rucksack auf dem Rücken und strahlte über das ganze Gesicht. "Du bist so vergnügt. Wo kommst du her und wo willst du hin?", wollte Erich von ihm wissen. "Ich bin mit dem Bus von Hasbach gekommen, der Kreisstadt, dort wohnen wir und dort gehe ich auch zur Schule. Aber jetzt haben wir Ferien und deshalb möchte ich zu meiner Oma auf die Moos-Alm. Sie ist mit meiner Tante alleine da oben, weil mein Opa einen Haxenbruch hat und derweil im Krankenhaus liegt und auch keiner mit dem Handy klar kommt."
"Möchtest du denn in deinen Ferien nicht lieber auch einmal irgendwohin in Urlaub fahren so wie wir?", fragte ich nach.
"Warum fahren Sie in Urlaub?", stellte er die Gegenfrage.
"Weil es hier in den Bergen bei euch so schön ist."
"Sehen Sie ... und aus dem gleichen Grund bleibe ich hier."
Wie aus der Pistole geschossen war diese Antwort gekommen.
"Aber eins musst du uns noch verraten", klinkte sich Erich nun wieder ins Gespräch ein, "wozu brauchst du eigentlich zwei Stöcke?"
"Das hat mir mein Opa beigebracht. Er hat gesagt: ,Der Mensch setzt beim Schwimmen und beim Skifahren Arme und Beine ein. Warum soll er also beim Bergsteigen auf die Arme verzichten?' Und Opa hat Recht, das klappt wie mit Allradantrieb."
Auch Manfred hatte noch eine Frage:
"Aber Seppel, warum ziehen deine Großeltern nicht einfach runter ins Dorf, sie haben es doch dann leichter?"
"Meine Oma sagt immer: ,Hier oben sind wir näher bei Gott, hier bleiben wir!' Aber jetzt muss ich weiter, die Oma wartet sicher schon auf mich." Dann fügte er noch hinzu: "Bis gleich ... oben in der Hütte. Grüß Gott!"
Wir hatten nur noch wenige Kehren zu bewältigen, dann sahen wir unseren Freund auch schon winkend vor der Moos-Alm stehen. Ich bemerkte sofort wieder das zufriedene Lächeln in seinem Gesicht. Noch einmal genossen wir den herrlichen Ausblick und damit Gottes einzigartige Natur.
Und als wir näher an die Hütte kamen, konnte ich plötzlich unseren Seppel und seine Großeltern erstmals richtig verstehen, denn über der kleinen, schiefen Tür, die zur Moos-Alm führte, hing der von Seppels Opa selbst geschnitzte Spruch:
"JE NÄHER WIR DER NATUR SIND,
DESTO NÄHER FÜHLEN WIR UNS GOTT!"



