Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Gomorrha
Es war der 24. Juli 1943, als Gudrun die weißgetünchte Patriziervilla am Harvestehuder Weg verließ. Seit drei Wochen wurde die Zwanzigjährige hier zur Nachrichtenhelferin ausgebildet. Es war ihr erstes dienstfreies Wochenende. Leichtfüßig und übermütig sprang sie die Eingangsstufen hinunter. Blinzelnd schaute sie zum sonnenklaren Himmel und blick dann über die schiffsleere Alster. Was für ein herrlich unbeschwerter Sommertag! Kein Fliegeralarm, keine Flakabwehr donnerte ihr Geschützfeuer gegen feindliche Flugzeuge. Friedvolle Ruhe lag über dem Wasser. Leicht plätschernd kräuselten sich die Wellen an dem von Trauerweiden umgebenen Ufer. Auf dem Weg in die Wohnung der Eltern trällerte das Mädchen sorglos, voller ausgelassener Fröhlichkeit. Sie war ja so jung und hatte das Leben noch vor sich.
Als sie die liebevoll eingerichtete Wohnung betrat, verdunkelte sie vorschriftsmäßig die Fenster, verschloss von innen die Tür. Die Eltern verbrachten das Wochenende im Schrebergarten. Übermüdet legte Gudrun sich ins Bett. Unruhig, von wirren Träumen gefangen, quälten Geisterstimmen ihren Schlaf. "Alarm, Alarm, wach auf, Gudrun, Fliegeralarm! Hörst du nicht? Wach auf, Luftangriff!" Sie schlief so fest und spürte nicht die Gefahr, hörte nicht das Verderben bringende, monotone Dröhnen der herannahenden Riesenbomber. Schon detonierten die ersten Luftminen in der Umgebung. Berstende Sprengbomben erschütterten das Fundament des Hauses. Gudrun hörte nicht die Fensterscheiben klirren und tausendfach zersplittern. Zerfetzt flatterte die Verdunklung geräuschvoll gegen den Holzrahmen. Steinbrocken krachten von der Zimmerdecke auf den mit Glasscherben bedeckten Fußboden. Als etwas Hartes gegen den Kopf der Schlafenden prallte und Blut über das linke Auge tropfte, schreckte Gudrun benommen aus ihren wirren Phantasien. Taumelnd setzte sie sich auf den Bettrand. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Durch die glaslosen Fensteröffnungen huschte taghelles Licht der gespenstisch am Himmel kreisenden Suchscheinwerfer. Phosphor-Tannenbäume tänzelten langsam von oben durch die Nacht und brachten mit ihrem leuchtenden Grün tödliches Verderben. Langsam begriff Gudrun, in welcher Todesgefahr sie sich befand. Fröstelnd presste sie das luftige Seidenhemdchen enger an ihren zuckenden Körper. Hastig schlüpfte sie in die Pantoffeln und tappte unsicher zur Haustür. Der Schlüssel, wo war der Schlüssel? Sie rüttelte an der Tür. Immer wieder. Aber die Tür blieb verschlossen. Von Entsetzen gepackt, elend vor Angst, hetzte sie durch die Räume. Wie ein junger Panther im engen Käfig fühlte sie sich eingesperrt. "Der Schlüssel, lieber Gott, wo liegt mein Schlüssel? Bitte, bitte, laß mich hier heraus, hilf mir!" flehte sie mit bebenden Lippen. Immer drohender rollten die Flugzeuge heran. Wieder erschütterte eine Luftmine das Haus. Brandbomben krachten. In Windeseile züngelten Flammen durch die Fensteröffnungen. Unaufhaltsam fraßen sie sich zischend und prasselnd durch den Raum. Gudrun vermutete die Schlüssel in ihrer roten Handtasche, die auf dem noch unversehrten Stubentisch lag. Sie wagte vorsichtig einen Schritt ins brennende Zimmer. Die Dielen knarrten verdächtig. Heiße Feuerschwaden verhinderten ein weiteres Eindringen. Mutlos wich das Mädchen zurück und sackte auf dem Flur weinend zusammen. Fast ohnmächtig in ihrer hilflosen Verlassenheit sah sie den Tod vor Augen. Das Feuer aus der Wohnzimmerhölle wütete schon in den Schlafräumen. Tief drückte Gudrun den Kopf auf den Teppichrand. Noch einmal stammelte sie leise und zaghaft: "Hilf mir doch, lieber Gott, bitte hilf mir!" Ruckartig hastete die Verzagte vom Boden hoch. Das Blut sauste in ihren Adern. Der Schlüssel, der Schlüssel! Unter einer kleinen Garderobendecke blitzte das Metall. Der Lebenswille verlieh dem jungen Mädchen neue Kräfte. Schnell wurde die Tür geöffnet. Vorsichtig ging Gudrun die beschädigten Stufen hinab, vorbei an dem brennenden Treppengeländer, ins Freie.
Wie ein armes Sterntalerkind sah sie dankbar zum nachtschwarzen, von Rauch eingehüllten Himmel. Es regneten aber keine Golddukaten zu ihr herab. Todbringender Bombenhagel hüllte sie ein. Sie war doch noch so jung.



