Prämierte Kurzgeschichten 2003
Heike Gürtler: Tagtraum
Sensibel werden die Zeitebenen miteinander verwoben, und zutiefst nimmt der Leser Anteil an der stillen Trauerarbeit der Witwe. Ohne es auszusprechen steht alles unter dem Schatten von Krankheit und Tod des Mannes. Die Kunst der Andeutung setzt hier den besonderen Akzent, ein feinsinnig gestaltetes Gedenken an einen geliebten Menschen.Henriette Beyer: Bis dass der Tod euch scheide
Der Blick der Frau auf die Zeit der Scheidung, die Jahre danach entwickelt eine große innere Spannung, obwohl äußerlich nicht viel passiert. Doch überlässt man sich ihrem Gedankenfluss um so gebannter, weil sie so ehrlich erzählt und den Leser mit ihrer Situation konfrontiert, ohne ihn am Ende daraus zu entlassen. Er muss selbst Stellung beziehen.Cornelia Lüdersdorf: Liebe bis zum Feuer
Mit einfachen sprachlichen Mitteln und großer Genauigkeit im Detail zieht diese Geschichte den Leser in ihren Bann. Stille, Einsamkeit und Verzweiflung sind ihre Komponenten, hocken in jeder Ecke von Leons Wohnung. Seine Fragen an die verstorbene Frau, seine Versuche zu reden verhallen im Nichts – ein Text von großer Dichte.Carmen Kramer: Ich bin 46 und ... Hausfrau
Witzig und mit Pfiff kommt dieser Text über die Depressionen der Wechseljahre daher. Mit einer guten Portion an Selbstironie schildert die Protagonistin ihre Malaise und setzt sich im Rahmen anschaulicher Szenen pointiert mit der hormonbedingten Krise auseinander. Amüsant zu lesen besonders durch die knappen und lebendigen Dialoge, entwickelt sich ein unaufdringlicher und befreiender Humor.Astrid Fournell: Wo wohnt der Krieg?
Das Schicksal der Erzählerin berührt durch die klare und schnörkellose Sprache. Sachlich und völlig unsentimental schildert sie ihre Erlebnisse, die Blessuren des Krieges, die auch später nicht heilen werden: Der Verlust von Geborgenheit und Glauben an die Liebe. Das klingt als Fazit und Motto von Zeile zu Zeile eindringlich mit. Ein Dokument erlebter Geschichte, erschütternd, wahrhaftig.Marion Fischer: Bittschrift an meinen besten Freund
Der Brief ermöglicht hier eine besondere Form von Intimität und spiegelt eine ganz persönliche Sicht auf einen in den ehemaligen DDR-Ländern nach wie vor virulenten Konflikt: Bleiben oder Gehen und im ‘Westen‘ sein Glück suchen. Die Umgangssprache dient als wichtiges Stilmittel und unterstützt, wohl dosiert, den Eindruck des Authentischen.Wolfgang Überreiter: Malchus
Hier zählt nur die Geschichte des Protagonisten, darüber hinaus wird nichts erklärt, denn zu Recht baut der Autor auf die biblischen Kenntnisse des Lesers. Aus Malchus Perspektive und Erleben spiegelt sich der Verrat an Jesus in seiner ganzen Wahrheit. Die klare Sprache, der wohl kalkulierte Handlungsablauf lassen das geschichtliche Ereignis hautnah erscheinen – ein klassisches Prinzip, hier überzeugend umgesetzt.Anita Schuler: Nach all den Jahren
Große Gefühle sind nicht Thema dieser Erzählung. Die Tiefe der Beziehung, getaucht ins melancholische Licht der Alters-Mesalliance, liegt hinter den Worten, zwischen den Zeilen verborgen. Die Kunst der Andeutung überlässt es ganz dem Leser, die Stichpunkte, die die einfache klare Sprache uns liefert, mit Leben zu füllen. Ein Kammerspiel der Gefühle, ganz ohne falsches Sentiment.Gerd Werner Drieschner: Besuch am Weihnachtsabend
Hervorragend genaue und dichte Beschreibungen ermöglichen dem Leser das Eintauchen in die fremde, einsame und arbeitsreiche Welt der beiden Alten. Hier wird nichts bewertet, nur vorgeführt: Die Ignoranz, der Egoismus der Töchter entlarven sie selbst. Die Geschichte birst vor Atmosphäre, die Sprache ist die Sprache der Alten – ein großartiger Akt der Einfühlung in ein fremdes Schicksal.Dr. Anette Manschewski: Der Weihnachtsmann und das Geheimnis
Ein Fall von Kindesmissbrauch, geschildert aus der Sicht des betroffenen Mädchens. Erst allmählich begreift der Leser, worum es hier geht, weil dem Kind noch die Sprache fehlt, um sich zu wehren und das Unrecht anzuklagen. Der Weihnachtsmann wird zum magischen Helfer. Bedrückend wirklich und einfühlsam erzählt.




