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Nach all den Jahren

Sie erkannte ihn sofort. Ausgerechnet hier, auf dem Münchner Hauptbahnhof, mitten im Tumult zwischen An- und Abreisenden, geschah das, was sie sich immer erträumt hatte. Sie sah ihn wieder. Nach zehn Jahren!

Er stand einige Meter von ihr entfernt und studierte eine Anzeigentafel. Sein Gesicht war noch faltiger als damals, aber genauso braungebrannt. Er hatte immer noch dieses volle, weiße Haar und trug eine modische Brille. Auch seine Kleidung hatte er nicht verändert. Zu einer verwaschenen Bluejeans trug er ein weißes Hemd und einen dunklen Blazer. Er musste nun schon über siebzig sein, doch sein Alter war allenfalls an dem dicken Stock zu erkennen, auf den er sich ab und an stützte.

Sie spürte, wie ihr Herz wild zu klopfen begann. Die Erinnerung an damals, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war noch da. Er hatte sie zum Essen eingeladen und sie hatte die ganze Zeit nur geredet. Das war immer so gewesen. Bei ihm war es ihr leicht gefallen. Sie hatte sich bei ihm wohl gefühlt. Er hatte sie so angenommen, wie sie war und ihr das Gefühl gegeben, jemand Besonderes zu sein.

Sie war nicht hübsch, eher durchschnittlich. In ihrer Familie hatte sie sich immer als hässliches Entlein gefühlt. Sie hatte kaum Freunde gehabt. Für sie war es immer schwer gewesen, auf andere zuzugehen. Sie hatte sich immer mehr in ihr Schneckenhaus zurückgezogen.

Er hatte es sofort gemerkt. Sie war 19 gewesen, er fast 60. Sie, die Schülerin, er, der Lehrer. Er hatte sich um sie gekümmert, hatte mit ihr verschiedene Sachen unternommen. Sie durfte ihn besuchen. Er hatte sie verstanden. Für ihn war sie hübsch gewesen. Sie hatte ihn geliebt.

Er war der Vater für sie gewesen, den sie sich immer gewünscht hatte. Sie hatte in ihm den Freund gefunden, den sie nie gehabt hatte. Ihr Leben war ihr gleichgültig gewesen – er hatte ihm einen Sinn gegeben. Er hatte sie aus ihrem Schlaf gerissen.

Er hatte ihr zugehört, als sie ihren ersten Liebeskummer gehabt hatte. Als ihre Ehe gescheitert war, hatte er sie aufgebaut. Er war für sie da gewesen, hatte mit ihr Pläne geschmiedet, mit ihr geträumt.

Sie hätten nie eine gemeinsame Zukunft gehabt. Die Wirklichkeit des Lebens hatte gegen sie gesprochen. So verloren sie sich irgendwann aus den Augen. Sie bekam nur noch mit, dass er ins Ausland gegangen war. Von da an hörte sie nichts mehr von ihm. Doch in Gedanken war sie oft bei ihm gewesen, hatte sich gefragt, was er wohl gerade machte, wie es ihm ging, ob er überhaupt noch lebte. Und immer wieder war da diese große Sehnsucht nach ihm gewesen.

Und da stand er nun plötzlich vor ihr. Die Tränen traten ihr in die Augen, als sie langsam auf ihn zuging. “Berri?” Ihre Stimme war leise, doch er drehte den Kopf und schaute sie an. Seine Augen musterten sie, dann öffnete er vor Staunen den Mund. “Sara? Bist du’s wirklich?”

Vorsichtig nahm er ihre Hand und zog sie näher heran. “Nach all den Jahren. So viele Fragen!” Ihm fehlten die Worte. Da schlang sie ihre Arme um ihn und auch er drückte sie fest an sich. “Jetzt lass ich dich nie mehr los”, sagte er leise. “Brauchst du auch nicht!” flüsterte sie. “Diesen Moment habe ich mir schon so lange gewünscht. Lass uns noch ein Stück des Weges gemeinsam gehen!”

Und er verstand sie.

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