Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Ich bin 46 und ... Hausfrau
„Mama dreht langsam durch, Papa“, machte sich mein Sohn Peter neulich lustig. „Jetzt gibt sie den Vögeln sogar schon Namen und spricht mit ihnen.“
„ Ach, lass` sie doch. Wenn’s ihr Spaß macht. Vielleicht schleicht sie dann nicht länger trübsinnig durchs Haus“, erwiderte meine bessere Hälfte. „Ich weiß gar nicht, was sie hat. Seit sie arbeitslos ist, benimmt sie sich eigenartig.“ Ratlos sahen sich die beiden an.
Am liebsten hätte ich dieser gefühllosen Bande gehörig die Meinung gesagt, statt dessen zog ich mich grollend zurück. Wie oft hatte ich versucht zu erklären, weshalb ich so unzufrieden war. Aber genau so gut hätte ich an eine Wand reden können. Die tägliche Monotonie ödete mich an. Die Decke fiel mir auf den Kopf und Selbstgespräche führte ich auch schon. Niemand verstand mich, ich erntete nur verständnisloses Kopfschütteln.
Jeder glaubt doch, eine Hausfrau hat das große Los gezogen und würde ein ungebundenes Leben führen. Schließlich hat sie alle Zeit der Welt ihren Tagesablauf nach Gutdünken einzuteilen. Nachdem sie die paar Hausarbeiten erledigt hat, liegen unendlich viele Mußestunden vor ihr. Wahrscheinlich ist sie nur von der Qual der Wahl überfordert: soll sie lieber mit Freundinnen, die in der gleichen glücklichen Lage sind, Kaffeekränzchen abhalten und dabei über die Angetrauten lästern, oder sich in der Sonne aalen und das Gras beim Wachsen beobachten. Alternativ könnte sie aber auch das sauer verdiente Geld ihres hart arbeitenden Mannes beim Einkaufsbummel unter die Leute bringen, oder einen Schmöker nach dem anderen verschlingen. Jetzt dämmert mir, woher der Muskelkater in den Fingern stammt: vom Däumchen drehen. Auch dem Hausarzt klagte ich mein Leid: „Ständig bin ich müde und schlapp. Ich fühle mich wie meine eigene Großmutter und schwanke zwischen hysterischen Tränenausbrüchen und Schreikrämpfen, die mich wie aus dem Nichts anfallen.” Dr. Weber hörte mir aufmerksam zu. Nach der Untersuchung meinte er trocken: „Innen und außen sind Sie noch gut in Schuss. Wenn Sie sich vorkommen wie ein Wrack, hängt das bestimmt mit den Wechseljahren zusammen!” „ ... Wechseljahre??! Ich???” Mir fiel der Unterkiefer herunter. Ich wollte Trost und Mitleid, keine Diagnose mit dem Holzhammer. Mein Göttergatte reagierte einfühlsam, wie immer: „Du könntest dich sportlich mehr betätigen. Die vielen Wiederholungen, die du dir im Fernsehen ansiehst, bringen dich nur noch mehr zum Grübeln. Oder beschäftige dich im Garten, dann verschwinden sicher auch die Hitzewallungen, Schlafstörungen und was dich sonst noch so piesackt.” „ Waas? Gartenarbeit soll eine Lösung sein? Typisch Mann. Unkraut jäten ist vergleichbar mit dem Kampf gegen Windmühlen. Während man vor sich dem Dschungel zu Leibe rückt, wuchert er einem von hinten schon wieder um die Füße. Glaubt man fürs Erste klar Schiff zu haben und ein Päuschen in der Sonne machen zu können, schlägt garantiert das Wetter um.” „ Ja, um Himmelswillen, ich werde noch irre. Weißt du überhaupt was du willst?” Na endlich. Auf diese Frage hatte ich lange genug hingearbeitet. „ Da gäbe es schon etwas, das mich glücklich machen würde. Nichts wünsche ich mir sehnlicher, als einen Hund ...!” Übrigens: unser neues Familienmitglied heißt Louvat.



