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Der Weihnachtsmann und das Geheimnis

Dieses Jahr würde sich am Weihnachtsabend alles ändern. Denn dieses Jahr würde sie am Heiligen Abend dem Weihnachtsmann ihr Geheimnis erzählen. Sie hatte es sich genau überlegt, und dennoch war sie fürchterlich aufgeregt. Was wäre, wenn etwas dazwischen käme? Wenn der Weihnachtsmann dieses Jahr vielleicht gar nicht kommen würde? Das kleine Mädchen hatte große Angst.

Immer wieder fragte es die Mutter, ob der Heilige Abend genauso geplant sei wie letztes Jahr. “Ja”, bestätigte die Mutter , “die Oma würde kommen, die Tante und der Lieblingsonkel wären da, man würde gemeinsam Kaffee trinken und Kuchen essen, dann sei die Bescherung und danach das Abendessen, Forelle würde es geben wie jedes Jahr”. “Und der Weihnachtsmann, kommt der auch ganz bestimmt?” Johanna musste fast weinen, solche Sorgen hatte sie. “ Bist du dazu nicht schon zu groß?”, neckte die Mutter, “schon sechs Jahre alt – und immer noch soll der Weihnachtsmann dich besuchen kommen?” “Ja, das muss er, es ist ganz wichtig!” sagte Johanna. “Na, dann wird er wohl kommen, kleine Prinzessin.” mischte der Vater sich ein.

Johanna fiel ein Stein vom Herzen, denn nur dem Weihnachtsmann konnte sie ihr Geheimnis erzählen. Er, das glaubte sie ganz fest, nur er konnte ihr helfen. Eigentlich, auch das wusste sie, durfte sie mit niemandem darüber sprechen. Sie hatte es ja dem Papa versprochen, keinem Menschen zu erzählen, was er mit seinem Zauberstab fast jeden Abend tat. Sonst würde sie nicht mehr bei Mama und Papa wohnen dürfen, und die Mama hätte sie nicht mehr lieb, hatte Papa ihr erklärt. Nun war sie ganz stolz auf ihre Idee, den Weihnachtsmann um Hilfe zu bitten. Das war kein Verrat, denn der Weihnachtsmann war ja kein Mensch, eher eine Art Wunder, und er würde sie bestimmt verstehen. Er würde auch begreifen, dass sie es gar nicht wollte, wenn Papa sie streichelte und sie seinen Zauberstab anfassen musste, damit er groß wurde. Denn danach tat Papa ihr weh, und sie schämte sich ganz fürchterlich.

Und so war sie bei den Weihnachtsvorbereitungen ganz besonders eifrig. Die Kekse wurden besonders liebevoll verziert, und jeden Abend legte sie einen auf die Fensterbank, damit die Weihnachtsengel bei ihren Erkundungsflügen eine Stärkung fanden und wussten, dass hier ein braves Mädchen wohnt. Auch lernte sie ganz eifrig das Gedicht vom Knecht Ruprecht auswendig und sagte es der Mutter immer und immer wieder vor. “Soll ich auch noch ein Lied lernen, was meinst du, Mama?”, fragte sie. “Willst du denn so viele Geschenke haben”, lachte die Mutter. “ Nein, das ist es nicht, ” antwortet das kleine Mädchen, “ich meine doch nur ...” sie verstummte. Doch die Mutter hatte sich schon wieder ihrer Hausarbeit zugewandt und hörte gar nicht mehr zu.

Auch das längste Warten verging, und endlich war es soweit. Der Tag des Heiligen Abends war da. Johanna zog ihr bestes Kleid an und übte noch einmal ihr Gedicht. Alle saßen am Kaffeetisch, nur der Onkel fehlte, als es plötzlich draußen an der Tür klopfte. “Hallo, wohnt hier ein kleines Mädchen”, tönte es durch das Zimmer, “dann lasst mich herein, es ist kalt hier draußen.” Mit klopfendem Herzen hüpfte Johanna zur Tür. Da stand er – der Weihnachtsmann. Johanna nahm ihn an die Hand und platzte gleich mit ihrem größten Wunsch heraus. “Kann ich gleich mit dir sprechen, lieber Weihnachtsmann? Ganz allein?”

“Natürlich, kleines Mädchen”, schmunzelte der, “aber soll es nicht erst die Geschenke geben?” “Nein, das hat Zeit bis nachher, und ein Gedicht kann ich auch, aber erst einmal möchte ich mit dir reden.” Schnell führte sie den Weihnachtsmann in das Nebenzimmer, und dann sprudelte alles aus ihr heraus, vom Vater und wie er sie fast jeden Abend quälte, ihre große Angst und Scham. Nichts ließ sie aus. “Kannst du mir helfen, Weihnachtsmann?” Weinend ließ sich Johanna in seine Arme fallen. Zu groß war die Last, die jetzt von ihr abfiel.

Der Weihnachtsmann sagte lange Zeit nichts, doch als er sprach, klang seine Stimme nicht mehr dröhnend. Fast so wie der Onkel hörte er sich an. “Ich helfe dir, mein Kind”, versprach er, “ich helfe dir.”

Und eine Träne rollte über des Onkels Wange.

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