Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Laras Entscheidung
Die Faust traf sie mitten ins Gesicht. Taumelnd hielt sich Lara am Tisch fest. Ein heftiger Schmerz durchfuhr sie und ein Rinnsal Blut lief ihr über den Mund. Sie schmeckte den herben Geschmack des Blutes vermischt mit dem Salz ihrer Tränen. „Bist du zu blöd, um zu verhüten?“ fuhr Marc sie an. „Sieh zu, dass du das Balg los wirst.“ Sein unerbittlicher Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.
Noch lange, nachdem Marc die gemeinsame Wohnung verlassen hatte, kauerte Lara auf dem kalten Küchenboden. Ein Tränenschleier hatte sich über ihre graublauen Augen gelegt. Aber ihr Herz brannte vor Wut. Lange hatte sie geglaubt, Marc würde sein hitziges Temperament zügeln und sie könnte eine harmonische Beziehung führen. Seine Wutausbrüche kamen oft aus heiterem Himmel. Jäh wurde ihr bewusst, dass er sich nie ändern würde.
Energisch strich sich Lara eine lockige Haarsträhne aus dem blassen Gesicht und stand auf. Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel. Auf ihrem Nasenrücken hatte sich ein hässlicher dunkelblauer Bluterguss ausgebreitet. Irgendwie sah die Nase schief aus. Vielleicht war sie gebrochen. Ihre Augen waren rot unterlaufen und auf ihrem Hals hatten sich hektische rote Flecken gebildet. Trotz der bedrückenden Situation und ihres lädierten Aussehens fühlte Lara sich stark. Das kleine Wesen in ihr gab ihr eine ungeahnte Kraft. Liebevoll legte Lara eine Hand auf ihren Bauch.
Wie ein Film zogen die gemeinsamen vier Jahre mit Marc an ihrem geistigen Auge vorüber. Meistens war ihr Glück von Beleidigungen, Lügen und Schlägen überschattet gewesen. Erst jetzt fiel ihr auf, wie frostig die Einrichtung wirkte. Schwere dunkle Mahagoni Möbel standen im Wohnzimmer und in der Diele. Die kleinen Fenster ließen wenig Licht rein und die melancholischen Bilder von Caspar David Friedrich verstärkten die düstere Stimmung.
Entschlossen packte Lara ihre Habseligkeiten ein. Sie wollte nichts von sich zurücklassen. Die junge Frau hatte kein bestimmtes Ziel. Sie wollte einfach nur weg. Fort von dem Mann, den sie geliebt hatte. Sie würde ihr Glück auch ohne den Vater ihres Kindes finden, dessen war sich Lara sicher. Zum Schluss schnitt sie den langstieligen Baccararosen, die ihr Marc gestern geschenkt hatte, die Köpfe ab und legte sie auf den Marmortisch im Wohnzimmer. Ohne sich umzudrehen, zog Lara die schwere Eichentür hinter sich ins Schloss.
zurück zur
Übersicht
Elisabeth Hatip: Laras Entscheidung
Die Faust traf sie mitten ins Gesicht. Taumelnd hielt sich Lara am Tisch fest. Ein heftiger Schmerz durchfuhr sie und ein Rinnsal Blut lief ihr über den Mund. Sie schmeckte den herben Geschmack des Blutes vermischt mit dem Salz ihrer Tränen. „Bist du zu blöd, um zu verhüten?“ fuhr Marc sie an. „Sieh zu, dass du das Balg los wirst.“ Sein unerbittlicher Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.
Noch lange, nachdem Marc die gemeinsame Wohnung verlassen hatte, kauerte Lara auf dem kalten Küchenboden. Ein Tränenschleier hatte sich über ihre graublauen Augen gelegt. Aber ihr Herz brannte vor Wut. Lange hatte sie geglaubt, Marc würde sein hitziges Temperament zügeln und sie könnte eine harmonische Beziehung führen. Seine Wutausbrüche kamen oft aus heiterem Himmel. Jäh wurde ihr bewusst, dass er sich nie ändern würde.
Energisch strich sich Lara eine lockige Haarsträhne aus dem blassen Gesicht und stand auf. Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel. Auf ihrem Nasenrücken hatte sich ein hässlicher dunkelblauer Bluterguss ausgebreitet. Irgendwie sah die Nase schief aus. Vielleicht war sie gebrochen. Ihre Augen waren rot unterlaufen und auf ihrem Hals hatten sich hektische rote Flecken gebildet. Trotz der bedrückenden Situation und ihres lädierten Aussehens fühlte Lara sich stark. Das kleine Wesen in ihr gab ihr eine ungeahnte Kraft. Liebevoll legte Lara eine Hand auf ihren Bauch.
Wie ein Film zogen die gemeinsamen vier Jahre mit Marc an ihrem geistigen Auge vorüber. Meistens war ihr Glück von Beleidigungen, Lügen und Schlägen überschattet gewesen. Erst jetzt fiel ihr auf, wie frostig die Einrichtung wirkte. Schwere dunkle Mahagoni Möbel standen im Wohnzimmer und in der Diele. Die kleinen Fenster ließen wenig Licht rein und die melancholischen Bilder von Caspar David Friedrich verstärkten die düstere Stimmung.
Entschlossen packte Lara ihre Habseligkeiten ein. Sie wollte nichts von sich zurücklassen. Die junge Frau hatte kein bestimmtes Ziel. Sie wollte einfach nur weg. Fort von dem Mann, den sie geliebt hatte. Sie würde ihr Glück auch ohne den Vater ihres Kindes finden, dessen war sich Lara sicher. Zum Schluss schnitt sie den langstieligen Baccararosen, die ihr Marc gestern geschenkt hatte, die Köpfe ab und legte sie auf den Marmortisch im Wohnzimmer. Ohne sich umzudrehen, zog Lara die schwere Eichentür hinter sich ins Schloss.



