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Besuch am Weihnachtsabend

Aus einem Türspalt dringen Lichtstrahlen in die Dämmerung und reflektieren auf dem Schnee zu glitzernden Kristallen. Seit Mittag hat es aufgehört zu schneien, aber der Himmel ist noch dicht mit schneeschwangeren Wolken verhangen.

Aus dem Stall dringt blechernes Eimergeschepper. Die alte Frau schüttet den Schweinen einen dampfenden Futterbrei in die Tröge. Zwölf Schweine drängen sich an die Futtertröge dem Brei entgegen. Eigentlich sollten im November sechs der Schweine geschlachtet werden, aber die alten Leute konnten das nicht allein schaffen. Die Schlachthelfer blieben aus, sagten ab, aus “dringenden” Gründen. Helfer sollten die beiden Töchter und Schwiegersöhne der Alten sein. So kam es, dass alle Schweine unversehrt Weihnachten feiern können. Das Futter würde zwar über den Winter reichen, aber der Geldverlust bekümmerte die Alten.

Heute ist der Weihnachtstag, und die Töchter sollen mit ihren Familien kommen. Doch bereits am Vorabend rief die ältere Tochter an, sie erklärte: dass der Besuch nicht machbar wäre, sie hätten noch in der Firma zu tun, und man bedenke, der Stress, der Stress. Die Alte zerbiss mümmelnd ihre Enttäuschung und entschuldigte die Tochter so ganz für sich: “Ein fleißiges Mädchen, immer zu tun, immer zu tun.” Doch sie wurde noch etwas in sich gekehrter, als sie ohnehin schon war.

Im Innenhof kratzt ein Schneeschieber über die vereisten Steine. Ein grauhaariger alter Mann schiebt einen Weg zum Wohnhaus durch den Schnee. Er muss häufig verschnaufen, und warme Atemluft umwabert ihn, weithin sichtbar. Es war dunkel geworden, doch die Arbeit war noch nicht geschafft, sodass die Alten sich noch nicht in die beheizte Weihnachtsstube verkriechen konnten. Es sollte ordentlich ausschauen, wenn der Weihnachtsbesuch eintraf. Der Hof war ein stattliches Anwesen geworden in all den Jahren. Stück für Stück wurde aufgebaut und zugetragen, immer mehr Vieh kam hinzu, und mit der Hoferweiterung auch immer mehr harte Arbeit. Die beiden Alten waren fleißig, und sie schufteten gern. Die Kinder sollen es ja schließlich mal erben. Stolz waren die Alten auf das, was sie den Kindern hinterlassen würden. Für sie plagten sie sich tagein tagaus. All die Jahre keinen Urlaub, eine Woche Thüringen vor Jahren, das war es dann schon.

Früher half die Mutter der Alten in der Wirtschaft mit, aber sie ist jetzt um die neunzig Jahre und kränkelt. Kraft und Verstand haben sie verlassen. Sie dämmert im Obergeschoss des Hauses vor sich hin, und alles was sie noch sagt, aber das in ständigem Wiederholungsdrang, ist: “Jaja, so ist es, so ist es.” So waren die Alten auf sich allein gestellt, aber an Aufgabe dachten sie nicht, die Töchter sollen ja bald alles übernehmen.

Volle Ställe, ertragreiche Felder und auch ein Konto sind da, lohnt es nicht dafür den Buckel krumm zu machen?

Die Alte tritt vor die Stalltür und sieht zur Straße: “Nun müssten sie doch bald kommen , es wird ja schon dunkel.” Wer da kommen soll, ist die jüngste Tochter mit ihrer Familie. Sie müssten doch schon längst hier sein, denkt die alte Frau, doch sie kann kein Auto erspähen, so sehr sie sich auch in der Dunkelheit anstrengt. Sie schlurft in Holzpantinen zum Hof auf den Alten zu. Ihre angekrümmten Zwergenbeine stecken in dicken Wollstrümpfen. Aus dem Kopftuch schaut ein gütiges, zerfurchtes Gesicht. Sie drängt den Alten wortlos zum Wohnhaus. Viel gesprochen wird nicht in der Feldereinsamkeit. Geredet haben sie nie viel miteinander, die Eheleute, eben so das Notwendige: über die Arbeit, die Kinder, das Wetter und so. Aber meist stand die Arbeit im Vordergrund; darüber sind sie alt geworden.

Der Alte babbelt Unverständliches in seinen eisgrauen Schnauzbart und geht gebeugt mit schweren Schritten hinter seiner Frau her. In der Küche setzt die Frau Teewasser auf den Herd und entledigt sich ihrer Pantinen und des Kopftuches. Silbriges, ausgedünntes Haar hat sie zu einem Knoten auf dem Hinterkopf gebändigt. Sie ist in sich gekehrt: “Wo nur die Tochter bleibt? Sicher sind die verschneiten Straßen Schuld an der Verspätung des Mädels.” Sie geht zur Wohnstube und schaltet das Fernsehgerät ein, um etwas über Wetterlage und Straßenzustand im Land zu erfahren. Im Fernsehen nur Weihnachtssingen, nichts übers Wetter. Sie schaltet den Apparat wieder aus; es will keine rechte Feststimmung in ihr aufkommen. Der Alte sitzt in der Küche und schlurft sabbernd heißen Tee. Die alte Frau ist jetzt hochgradig erregt und es hält sie nichts mehr im Wohnhaus. Sie schlüpft wieder in die Holzpantinen und verlässt das Haus, geht hinunter zur Strasse und sehnt fröstelnd die Ankunft der Tochter herbei.

“Es wird doch nichts passiert sein?”, geht es ihr durch den Kopf. Die Alte durchlebt in ihrer Phantasie tausend Ängste, hört kreischende Bremsen und Sirenengeheul. Dann schüttelt sie heftig den Kopf: “Es ist nichts passiert, was ich mir nur einrede”, schimpft sie mit sich selbst, “der Schwiegersohn ist ein besonnener Fahrer, sicher werden sie gleich eintreffen.”

Über die Straße gleißt Scheinwerferlicht. Zwei Lichtkegel zerschneiden die Finsternis und nähern sich dem Bauernhof. Die alte Frau frohlockt und ihr Puls geht im Stakkato. Aber da ist das Auto auch schon vorübergefahren. Mit dem Erlöschen der Rückleuchten erlischt auch ein Stück Hoffnung im Herzen der alten Frau. “Das waren sie wohl nicht, die Kinder”, redet sie mit sich selbst. Als die Kälte sich in ihren Körper einnistet, geht sie zurück in das Wohnhaus. Es scheint, als gehe sie etwas gebeugter, als zuvor. “Es ist schon sieben durch, ob sie vielleicht doch nicht kommen ? Ist jemand krank geworden ?” Der Kopf der Frau ist glühend vom Gedankenfieber.

Ein schrilles Läuten zerreißt das Gedankengespinst der Alten. Sie hüpft zum Telefonapparat und klappert vor Aufregung mit den Kiefern. Am Telefon ist die Tochter, die Jüngere.

Sie sagt: dass bei ihrem Mann betrieblicherseits etwas dazwischengekommen ist, das er leider unabkömmlich ist, und sie verständlicherweise bei ihrem Mann bleiben muss, vielleicht ein anderes mal, trotzdem schönes Fest und so ... Doch den Schluss hat die alte Frau schon gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Sie presst immer noch ihr Ohr an die Hörmuschel und stammelt: “Frohes Fest.” Doch da hatte die Tochter bereits aufgelegt.

Noch lange lauscht die Frau in den Hörer, vernimmt nur ein Tuten, und hat noch nicht begriffen, das die Tochter nicht kommen wird. Die Alte ist abwesend, legt mechanisch den Telefonhörer auf und nickt mit dem Kopf, immer und immer wieder, geht irgendwann in die Küche und sagt zu ihrem Mann, dass auch die jüngste Tochter den Besuch abgesagt hat. Der Alte labert etwas in seine Teetasse und schaut abwesend auf den Fußboden.

Die alte Frau schleppt sich zurück in die Wohnstube und lässt sich in den Sessel fallen. Die Benommenheit weicht von ihr und sie begreift nun erst richtig den Inhalt des Telefongesprächs. Es ist kein Platz mehr für eine weitere Enttäuschung in ihr. Sie sucht nach einer Entschuldigung für die Tochter und redet zu sich selbst: “Das Kind, das liebe Mädel muss auf ihren fleißigen Mann warten, der sogar am Weihnachtsabend schafft, was für ein pflichtbesessener Mann der Schwiegersohn doch ist, sicher wären sie gerne gekommen, aber die Pflicht, die Pflicht.” Zuerst die Arbeit, das kennt die alte Frau.

Sie erhebt sich aus dem Sessel und beginnt das unbenutzte Geschirr vom Tisch zu räumen. Das tut sie in aller Stille und mit großer Sorgfalt.

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