Sie sind hier:Teilnehmer / "Junge Autoren" / Archiv / 

Tagtraum

Nach einem heftigen Sturm an der Nordsee ist der Strand an manchen Stellen so von angeschwemmten Muscheln übersät, dass man den Sand darunter nur noch erahnen kann. Ein sich permanent selbst erneuerndes Beet vergangener Leben, unterbrochen von über Bord geworfenen Utensilien ignoranter Matrosen. Das Knirschen unter unseren Füßen hört sich an wie frisch gefallener Schnee.

Am flachen Wasser ziehen wir unsere Schuhe aus und ich unterdrücke ein vergnügtes Kreischen, als das eiskalte Nass zum ersten Mal meine Füße umspült. Der salzige Seewind wirbelt vergnügt durch meine Haare und ich ärgere mich, weil ich schon wieder mein Haarband vergessen habe. Wir spazieren so lange am Strand, bis uns von dem kräftigen Seewind der Kopf schwirrt und unsere Füße ganz aufgeweicht sind. Deine Fersen und Zehen nehmen dann immer diese rührende Farbe an. Ein leuchtendes Rosa, das in seltsamem Kontrast zu deinen sonnengebräunten Füßen steht. Es sieht aus, als würden sie von innen beleuchtet.

Bevor wir ins Dorf zurückgehen, bleiben wir noch einen Moment stehen und saugen ein letztes Mal die Atmosphäre in uns auf. In der Ferne ziehen, wie an einer Schnur aneinandergereiht, riesige Frachtschiffe ihre Bahnen durch die Fahrrinne. Tief geduckt schleichen sie sich unter den mächtigen Wolken am Horizont davon. Schweigend nehmen wir Abschied.

Der Aufstieg über die Dünen ist beschwerlich und ich höre dein angestrengtes Atmen. Oben angekommen setze ich mich auf eine Bank und befreie meine Füße umständlich vom Sand. Jedes Körnchen hole ich einzeln aus den Zwischenräumen meiner Zehen, um dir unauffällig ein wenig Zeit zum Ausruhen zu geben. Doch die Wut auf deinen Körper ist stark und du streckst mir schweigend deine Hand entgegen.

Noch ein letztes Mal machen wir Halt in dem kleinen Inselcafé und lassen uns ein Stück Ostfriesenkuchen schmecken. Herzhafter Hefeteig, gefüllt mit viel Marzipan, Quark und saftigen Rosinen. Wie ein kleines Luftkissen schmiegt er sich gemütlich an unsere Magenwände und hinterlässt ein warmes Gefühl. Mitnehmen werden wir keinen, zu Hause schmeckt er einfach nicht mehr.

Lachend erinnern wir uns an unseren ersten Urlaub hier. Es muss im August vor sieben Jahren gewesen sein. Wir waren mit nichts angereist als kurzen Hosen und leichten T-Shirts. Sommerausrüstung eben. Wir froren erbärmlich und haben damals einen Großteil unseres Urlaubsgeldes für warme Pullover und regenfeste Jacken ausgeben müssen.

Trotzdem waren wir beide von Anfang an ganz vernarrt in diese Insel und das ursprüngliche Wetter hier. Bewaffnet mit Sonnenschutz und Regenjacken liegen wir jedes Jahr 14 Tage lang in unserem Strandkorb, immer Nummer 335, und beobachten fasziniert die Wettrennen der Wolken.

Einmal am Tag stürzt du dich wild entschlossen in die Brandung und ich warte mit dem Handtuch am Ufer auf dich. Mir ist die Nordsee einfach zu kalt und zu unheimlich. Schlotternd und grinsend stehst du dann vor mir, eine Mischung aus Triumphator und frierendem Kind. Du brauchst deine kleinen Siege.

Zufrieden kaust du deinen Kuchen und siehst mich an. Meine Augen sind so schwer.
Matt hebe ich die Hand, um deine Wange zu streicheln. Deine Haut ist salzig-rauh und sonnenwarm.

Über mir kreischt eine wütende Möwe und ich öffne neugierig die Augen. Meine traurige Hand flattert vor meinem Gesicht in der Luft herum, als wollte sie einen schlechten Geruch vertreiben. Entsetzt versuche ich einen Schrei zu unterdrücken und presse die Hand auf meinen Mund. Allein sitze ich hier und warte auf die Fähre, die mich auf unsere Insel bringen soll.

Vor einem halben Jahr hast du den Kampf gegen deinen Körper verloren. Ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten und bin Hals über Kopf hierher gefahren. Ich wollte dir noch einmal ganz nah sein. Die Fähre nähert sich langsam und ich stehe entschlossen auf. Am Pier, eingeklemmt zwischen fröhlichen Urlaubern, starre ich in die Wellen und versuche die aufkommende Panik zu unterdrücken. Ich muss den Blick abwenden, sonst werde ich ertrinken.

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter