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Bis dass der Tod euch scheide

Als sich Veronika S. mit einundvierzig Jahren nach dreizehnjähriger Ehe scheiden ließ, dachte sie nicht einen Augenblick daran, dass das irgendetwas mit dieser Zahl zu tun haben könnte.

Sie hatte an einem dreizehnten geheiratet, sogar an einem Freitag, den dreizehnten, aber das war ein Zufall gewesen, der auf der bescheidenen Feier den ganzen Abend lang zumindest dafür gesorgt hatte, dass es überhaupt etwas Originelles gab, worüber man sprechen konnte und der am Ende, als niemandem mehr etwas Witziges einfallen wollte, zum Selbstläufer geworden war, der einsam seine Runden drehte.

Am Tag der Scheidung betrat Frau S. zögerlich und etwas aufgeregt den Gerichtssaal. Sie wusste zunächst nicht wohin und wollte sich schon neben ihren Mann setzen, als eine Frau, die sie nicht kannte, ihr zuwinkte, sie aufforderte neben ihr Platz zu nehmen und sich als Vertreterin ihres Anwalts vorstellte.

An ihrer Entscheidung zweifelte sie nicht, nein, es war eher so dass sie sich sehr sicher war bei diesem Schritt. Lange und oft genug hatte ihr Mann mit ihr darüber geredet, dass es keinen Sinn mehr habe und man doch schon seit Jahren getrennte Wege gehe und dass es ihm jetzt, wo es mit einer anderen ernst werde, sehr recht wäre, wenn sie zu einer einvernehmlichen Entscheidung fänden. Unter erwachsenen Menschen könne man diese Angelegenheit schnell und ohne großen Aufwand regeln. Sie hatte signalisiert, dass sie ihm nicht im Weg stehen wolle. Er hatte noch gesagt, bei ihrem Stil und ihrer tollen Figur dauere es gewiss auch nicht lange, bis sie den richtigen finden würde, seinen Nachfolger sozusagen, die Kinder seien ja nun auch schon groß, so dass ihr dadurch keine Nachteile entstehen würden und dass es ihm Leid tue, wenn er sie verletzt habe. Ja, er habe sie oft verletzt, mit seinen Frauengeschichten, aber sie nehme die Entschuldigung an und wünsche ihm alles Gute mit der Neuen und dass er endlich glücklich werde.

Auf die abschließende Frage, ob sie tatsächlich jegliche Annäherung ausschließe und dem Tatbestand der Zerrüttung ihrer Ehe zustimme, war sie nicht vorbereitet, schon gar nicht auf den besorgten Blick des Richters und die ernsthafte Schwere in seiner Stimme, aber sie antwortete, ja, das sei so, sie hätten es einige Male versucht, doch es sei vergebens gewesen.

Als der Richter das Scheidungsurteil gesprochen hatte, schaute Veronika S. ihren Mann an, der jetzt nicht mehr ihr Mann war und sie fühlte sich plötzlich beschädigt und unvollständig und fragte ihn mit ihren Augen, ob er das verstehen könne und ob er sich genauso fühle, und sie fragte sich, ob sie beide jetzt verurteilt worden wären, weil es ja Scheidungsurteil hieß und was das alles zu bedeuten habe.

Als Frau S. das Gerichtsgebäude verließ, das mit seinen sieben Stockwerken und seiner grauen Fassade vergeblich versuchte sachlich und amtlich zu wirken, trat sie unter einem verhangenen Himmel mit ihren eleganten Schuhen, die sie sich einige Tage zuvor gekauft hatte, in eine Pfütze, bespritzte sich die neue Strumpfhose mit schmutzigem Regenwasser, was sie beinahe zum Weinen brachte und sie veranlasste stehen zu bleiben und ratlos nach oben zu blicken.

Einige Monate später hatte Veronika S. ihren Kehraus beendet, alle Formalitäten erledigt, war mit ihren Kindern umgezogen und wieder berufstätig. Diesen Tag hatte sie längst vergessen.

Ihr Mann, der nicht mehr ihr Mann war, hatte eine neue Frau geheiratet, sich aber nach ungefähr einem Jahr scheiden lassen, nach dreizehn Monaten um genau zu sein, und dehnte danach die Termine, an denen er die Kinder holte und brachte, immer länger aus, indem er bei ihr in der Küche saß und erzählte, was alles geschehen war und in welchem Zustand er sich momentan befinde. Auch der Arzt meine, seine Nerven seien sehr überreizt und er bewege sich am Rande einer schweren Depression und er habe ihm geraten, sein Leben zu überdenken und in andere Bahnen zu lenken.

Veronika konnte sich gut in ihn hineinversetzen und verstand vieles, manches auch nicht, und sie war sich nicht sicher, ob er wieder zurückkommen wollte, dachte aber eigentlich, nein, und sie wusste auch, dass sie das auf keine Fall wollte, doch sie hatte keine Ahnung, was er von ihr wollte, vielleicht Hilfe oder einfach nur ein offenes Ohr, und sie wurde jedes Mal trauriger, wenn er ging.

Als der Mann, von Veronika S., der nicht mehr ihr Mann war, immer weitermachte mit dem Kommen und Sprechen, ahnte sie, dass die Zeit nach einer Scheidung in Sekunden gemessen wurde, und dass die Frage auch hätte lauten müssen, ob man denn gewillt sei, das Scheiden wirklich und praktisch zu vollziehen, und mit dem Hinweis nicht hätte sparen dürfen, dass es eine Illusion sei, daran zu glauben, man könne jemals wieder vollständig werden.

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