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Anna

Herr Markgraf blickte auf den Busfahrplan. Noch fünf Minuten. Er seufzte, zog den Jackenkragen hoch und stopfte die Hände tief in die Taschen. Dann lehnte er sich mit dem Rücken gegen den Pfosten des Haltestellenhäuschens und blickte die Straße hinunter, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Es war ein kühler Novembertag mit leichtem Nieselregen. Die Vegetation gab sich zwar alle Mühe, mit einer Farbpalette von ockergelb bis dunkelbraun den Tag zu erhellen, aber auch die Koniferen mit ihrem satten dunklen Grün schafften es nicht, warme Gedanken aufkommen zu lassen. Der wolkenverhangene Himmel tauchte alles in ein trübes Grau.

Heinz Markgraf dachte an Anna. An ihre kastanienbraunen Augen mit den winzigen bernsteinfarbenen Punkten darin. Daran, wie rot sie geworden war, als er sie zum ersten Mal zum Tanzen aufgefordert hatte. Sie sah bezaubernd aus in ihrem weißen Sommerkleid mit diesen kleinen Streublümchen darauf. Ihre goldblonden Locken schwangen bei jeder Tanzbewegung fröhlich mit. Ihr Lächeln und ihre glänzenden Augen nahmen ihn gleich gefangen.

Es war Liebe auf dem ersten Blick bei Heinz gewesen, und er umwarb Anna nach allen Regeln der Kunst. Schickte ihr Blumen und Pralinen, wurde nicht müde, sie einzuladen. Nach einigen Wochen erlag sie seinem Charme und erhörte sein Werben.

Heinz Markgraf erschrak ein wenig, als der Bus vor ihm auf der Straße anhielt und die hintere Tür mit einen leisen "Puff" aufschwang. Da stand sie, seine Anna. Ihre Augen hatten noch den gleichen Glanz wie früher, auch wenn sie heute etwas müde wirkten. Ihr blondes Haar war grau geworden und ihre Wespentaille glich heute mehr der einer Hummel, aber das war unwichtig.
Schließlich war er auch nicht mehr der schlanke, dunkelhaarige Adonis, sondern ergraut, rund um Bauch und Hüften, und viele kleine Falten durchzogen sein Gesicht.

Er nahm ihr die Einkaufstasche ab und beide schritten den Fußweg entlang nach Hause. Wenn sie nächste Woche ihren dreißigsten Hochzeitstag in Kalles Kneipe feiern, würde er Anna wieder zum Tanzen auffordern, dachte Heinz Markgraf lächelnd. Er tastete mit seinen Fingern nach Annas linker Hand und ließ sich von der wohligen Vertrautheit der vielen gemeinsamen Jahre durchströmen.

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