Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Miezchen
Es ist gemütlich und warm im Zimmer. Ich sitze am Tisch, vor mir die Schreiber-Bögen: Weihnachtskrippe. Die Hände sind noch zu klamm, um gleich mit dem Schneiden zu beginnen. Während ich sie mir an der Heizung wärme, sehe ich schaudernd zum Fenster hinaus. Der Wind, der durch die Straßen fegt, hat uns eine eisige Kälte gebracht. Die kahlen Bäume und Sträucher vor dem Haus erinnern an Sterben und Vergehen. Ein wenig Schnee ließe alles in milderem Licht erscheinen.
Bell, unser Dackel, kommt ins Zimmer und macht es sich auf seinem Sessel bequem. Schnell ist er eingeschlafen, legt sich auf den Rücken und streckt alle vier Pfoten in die Luft.
Bis zum Weihnachtsfest sind es nur noch wenige Tage und bis dahin soll die Krippe fertig sein. Während ich mit dem Schneiden beginne, wandern meine Gedanken in die Zeit meiner Kindheit zurück.
„Kommst du zurecht?“, fragt mich mein Mann, der soeben das Zimmer betritt.
„Ich glaube, ich werde es schaffen“, gebe ich zurück. „Wenn ich nicht immer alles verschenken würde, hätten wir schon eine Krippe. Wir haben damals in der Christenlehre eine gebastelt“, erzähle ich ihm.
„Und wo ist sie gelandet?“
„Ich habe sie Miezchen geschenkt.“
„Wer ist Miezchen? Eine Freundin von dir?“
„Freundin könnte man sagen, ja. Aber es war eine ungewöhnliche Freundschaft. Sie hätte meine Oma sein können. Eigentlich hieß sie Frau Knöfel, war vielleicht fünfundsiebzig Jahre alt, als wir uns kennen lernten. Sie wohnte in unserer Straße und konnte sehr schlecht laufen. Eines Tages kam sie zu uns, um etwas Wurst und Fleisch bei meiner Mutter zu bestellen. Mutti arbeitete in einer Fleischerei. Ausgerechnet ich, die Jüngste in der Familie und sehr schüchtern, sollte die Waren zu Frau Knöfel bringen. Alles Betteln nützte nichts, niemand nahm mir den Gang ab.
Die alte Frau, die sie in meinen Kinderaugen war, freute sich riesig über meinen Besuch. Sie lud mich ein, Platz zu nehmen. Ich bekam Kekse und etwas zu trinken. Sie bewohnte einen Raum, in dem sich alles abspielte. Dieser war nicht einmal so groß wie dein Arbeitszimmer. Links war die Küche. Sie bestand aus einem Kohleherd und einer Schüssel, die zum Abwaschen diente. An der Wand war ein Regal mit Küchenutensilien. Darunter stand eine Waschgelegenheit, du weißt schon, solch ein Gestell mit einer Schüssel drauf. Zwischen diesem Bad und dem Wohnzimmer war eine zweite Tür, die zur guten Stube führte.
Dieses Zimmer wurde nur zu besonderen Anlässen betreten. Ein Tisch mit einem Sofa, einem Sessel bildeten den gemütlichen Teil des Raumes. Miezchen saß meist auf einem Stuhl am Tisch. Auf dem Sofa lagen zwei Kissen, eines gefiel mir besonders. Frau Knöfel hatte es von ihren Vorfahren übernommen. Es war wohl schon hundert Jahre alt, aber immer noch wunderschön. Auf der Vorderseite war eine Landschaft dargestellt, eine Perlenstickerei, die Rückseite war einfacher Samtstoff. Neben dem Sofa begann das Schlafzimmer: ein uralter Nachttisch und Bett. Am Fußende des Bettes stand neben dem Fenster eine Singer-Nähmaschine und an der Wand, zwischen der Tür und dem Fenster, stand eine Kommode. Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, dass man so leben kann.“
„Aber wieso nennst du sie Miezchen?“
„Das kam so: Zuhause nannte man mich Mausi. Eines Tages sagte Frau Knöfel zu mir: ‚Wenn sie Mausi sagen, kann ich dich Mäuschen nennen.’
Meine Antwort war: ‚Und dann bist du Miezi.’ Ich ging jede Woche zu ihr und versuchte nicht mehr, mich zu drücken. Meine Mutter gab mir die Ermahnung: ‚Bleib nicht Stunden’ mit auf dem Weg. Manchmal konnte ich ihren Wunsch sogar erfüllen.
Miezchen erzählte mir gern Geschichten aus ihrer Jugendzeit, und ich hörte gern zu. Miezchen wuchs in Domsdorf auf, einem kleinen Ort nahe Drebkau. Wenn sie von den Tagesreisen nach Cottbus erzählte, wo sie einkauften, glaubte ich, Domsdorf sei hunderte Kilometer von Cottbus entfernt. Als ich später einmal mit dem Bus nach Cottbus fuhr und auch durch ihren Heimatort kam, erinnerte ich mich wieder an die Geschichten und wunderte mich, wie schnell wir in Cottbus ankamen. Gefahren wurde zu Miezchens Zeiten natürlich mit einem Pferdefuhrwerk. Das dauerte dementsprechend länger.
Eines Tages traf ich Miezchen beim Nähen an. Es machte Spaß, ihr bei der Arbeit zuzuschauen. Ich war glücklich, als sie mir anbot, es mich auch einmal versuchen zu lassen. Doch Nähen war schwieriger als Zuschauen. Bis ich das Treten beherrschte, musste ich einige Zeit üben.
Jedes Jahr zu ihrem Geburtstag im Dezember durfte ich ihr beim Spritzkuchenbacken helfen. Sie hatte Schwierigkeiten, den anfangs festen Teig zu rühren. Die Geburtstagsfeier war in der guten Stube. Zu diesem Fest kamen auch ihre Nichten mit Familien. Eigene Kinder hatte sie nicht.
Miezchen gehörte zu meinem Leben, und so war es klar, dass sie auch bei meinen Geburtstagsfeiern nicht fehlen durfte. Ihr Einwand, sie sei zu alt, wurde von mir nicht akzeptiert. Vor meinem geistigen Auge sah ich die alte Frau mit zwei Stöcken die Dorfstraße entlang kommen. Ich rannte ihr dann entgegen und wir unterhielten uns. So wurde der Weg für sie nicht so weit.
„In einem Jahr hatte ich zwei Enten aufgezogen“, erzählte ich weiter. „Sie begleiteten mich überall hin, wenn sie konnten. Manchmal kamen sie auch mit zu Miezchen. Ich klopfte dann ans Fenster, und wir unterhielten uns dort. Oft, wenn es den Enten zu lange dauerte, gingen sie allein nach Hause zurück.“
„Und wie ging es weiter mit eurer Freundschaft?“
„Einige Jahre später verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand so, dass sie in ein Krankenhaus eingewiesen wurde. Dort gab es feste Besuchszeiten: Mittwoch und Sonntag je eineinhalb Stunden. Ich arbeitete damals im Schichtdienst. Wenn ich es einrichten konnte, besuchte ich mein Miezchen. Ihre Verwandten kamen auch, immer am Monatsanfang, die Rente abzuholen.
Es war ein sehr warmer Tag, als ich sie wieder einmal besuchte. Der mitgebrachte Saft löschte den großen Durst. ‚Die Schwestern würden mir auch etwas besorgen, aber ich habe kein Geld’, berichtete sie mir. Ich begab mich ins nächste Geschäft, um noch ein paar Flaschen einzukaufen. Viel Zeit zum Plaudern blieb an diesem Nachmittag nicht.
Als Miezchen das Krankenhaus verließ, um ins Pflegeheim überzusiedeln, studierte ich zweihundert Kilometer von der Heimat entfernt. Da wir auch am Sonnabend Unterricht hatten, kam ich erst am späten Nachmittag zu Hause an. Sonntag Abend musste ich zum Studienort zurück. Dazu kam, dass auch das Pflegeheim Besuchszeiten hatte und es mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum erreichbar war.
Das erste Studienjahr war fast vorbei. ‚In den Ferien besuche ich Dich’, schrieb ich ihr. Schließlich hatte ich ganze dreieinhalb Wochen frei! Aber bis es soweit war, musste ich einige Prüfungen bestehen. Die Karte kam kurze Zeit später zurück mit dem Vermerk: Empfänger verstorben. Nicht einmal bei ihrer Beerdigung konnte ich dabei sein. Wir wurden an diesem Tag im Fach Russisch geprüft. Da Miezchen keine Verwandte von mir war, bekam ich natürlich nicht frei.
Als ich wieder zu Hause war, besuchte ich ihr Grab regelmäßig. Inzwischen ist es verschwunden, andere Leute an dieser Stelle begraben. Nichts mehr erinnert hier an Frau Knöfel, in meinem Herzen hat mein Miezchen ihren festen Platz. Was wohl mit ihrer Krippe geschehen ist?“



