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Bittschrift an meinen besten Freund
Du musst mir helfen Ulrich, Du bist doch auch Petras bester Freund. Sprich mit ihr und erkläre ihr, warum ich nicht mit ihr in den Westen gehe. Ich möchte wirklich immer mit ihr leben, aber ich werde nicht mit in den Westen gehen. Ich liebe sie wirklich, aber ich gehe nicht mit. Am besten Du erzählst ihr, wie es damals mit meiner Ex war.
Die hatte genauso ständig den Drang nach Veränderung. Siebenundachtzig hat es angefangen. Sie kommt nach Hause und freut sich tierisch. Endlich hat sie die Genehmigung erhalten, zu den Großeltern nach Düsseldorf zu fahren. Ich weiß bis heute nicht, wieso man es überhaupt genehmigt hat. Die Großeltern sind wahrlich keine Verwandten ersten Grades. Ich hatte ein ganz ungutes Bauchgefühl. Erstens durfte ich, das war ganz klar, nicht mitfahren. Zweitens wusste ich nur von mir selber ganz sicher, dass meine Heimat hier in diesem kleinen Dorf in Sachsen ist. Das blöde Gefühl hielt an, die ganzen vierzehn Tage. Am Tage ihrer angekündigten Rückkehr stand ich auf dem Bahnhof und wartete auf den Zug. Alle Leute waren ausgestiegen und ich stand immer noch da. Ich stand da wie ein Dämlack. Irgendwann, lange danach, wurde mir klar, dass ich wirklich der Dämlack war. Ich konnte nicht mal wütend sein.
Zu Hause belog ich erst mal die Kinder: `Mama will noch ein bisschen länger bleiben. Sie bringt auch was Schönes mit. ´ Dann überlegte ich mir, was ich will und was zu tun ist. Richtig, die Kinder brauchten sie! Und ich brauchte sie doch auch! Hab´ ich mich erniedrigt gefühlt. Erst vor den Kindern lügen. Dann ihr durchs Telefon Zucker in ihr schönes Hinterteil blasen, betteln und an ihre Liebe und ihren Familiensinn appellieren. Wisst ihr, wie schrecklich es ist, auf das Polizeirevier gehen zu müssen und dort irgendeine Story zu erzählen. `Warum kommt Ihre Frau nicht zum Termin zurück? Will Sie Verrat an Ihrer Heimat üben? ´ Und noch viele Fragen mehr in dieser Art.
Ich hab ein paar Mal in den Spiegel sehen müssen, um zu prüfen, ob ich noch zu sehen bin. So klein habe ich mich gefühlt. Aber ich konnte sie dazu überreden, ja wirklich, ich meine das wörtlich, ÜBERREDEN. Schließlich sagt sie doch: `O.K. ich komme wieder zurück. Besser wäre aber, Du kämst rüber. ´
Ich habe mich gefreut, gleichzeitig habe ich gedacht: Sie muss einen Vogel haben. Wie kann sie annehmen, dass ich alles, was ich hier aufgebaut habe, im Stich lasse und von meinem Zuhause weggehe. Und wie kann sie glauben, dass mich irgendjemand hier raus lässt. Die Polizei war schon aufmerksam geworden. Womöglich hätte sie mich noch dazu gebracht, ins Gefängnis für sie zu gehen. Gott sei Dank ist es nicht soweit gekommen. Zwei Wochen später habe ich sie doch noch vom Bahnhof abgeholt. Danach lief alles nicht mehr so richtig, das Vertrauen war hin. 1994 war es, da fiel ihr ein, dass ihr doch nun alle Möglichkeiten offen stehen. Deutschland war jetzt eins und die Grenze existierte nicht mehr. `Schatz, ich gehe nach München. Ich habe eine Annonce in der Zeitung gelesen, in der eine tüchtige Hotelfachfrau gesucht wird. Du weißt, hier kann ich in meinem Beruf nichts mehr werden, die Karrieremöglichkeiten gehen eher abwärts als aufwärts. Ich würde drüben alleine mehr Geld verdienen als wir beide hier zusammen. Nur für kurze Zeit und dann komme ich zurück. In vielen Familien geht irgendjemand in den Westen um Geld zu verdienen, aber Du bist ja stur, Du willst hier bleiben. Wirst sehen, hier erreichst Du gar nichts. ´
Gott hab ihre Naivität selig, soll sie tun, was sie nicht lassen kann, dachte ich damals. Sie verdient jetzt tatsächlich einen Haufen Geld. Aber „Karriere“ hat sie nicht gemacht, auch nicht nach neun Jahren. Sie wäre sowieso nicht zurück-gekommen. Das war mir klar, schon nach wenigen Monaten. Anfangs kommt sie regelmäßig nach Hause. Aber die Abstände werden immer größer. Sie schreibt schöne Briefe, aber auch die werden immer seltener. Einen weiß ich fast auswendig. Der hat mir klar gemacht, wie fremd wir uns geworden sind. Ich kriege ihn bestimmt noch bruchstückhaft zusammen:
,Mein lieber Schatz, ich habe jetzt zwei Wochen Spätschicht und deshalb kann ich wieder nicht kommen .... ich mache gern diese Schicht, die Menschen sind am Abend freundlicher und offener ... die Leute hier sind sehr aufgeschlossen und nicht so verklemmt wie bei uns auf dem Dorf ... mir gefällt auch die Art Distanz zu wahren ... das erspart Enttäuschungen .... letzte Woche bin ich in eine hübsche Wohnung gezogen .... die Miete ist hoch, aber ich verdiene ja gut ... ich habe noch jede Menge Geld übrig .... ich habe beschlossen, mir ein Konto für schlechte Zeiten und fürs Alter anzulegen ... daran wäre zu Hause nie zu denken gewesen .... überlege es Dir und komme doch noch rüber .... Grüße die Kinder von mir, ich liebe Euch alle!´
Oh nein, sie hat sich nicht dafür interessiert, wie es uns geht, wie ich mit dem Geld aus meiner ABM-Maßnahme auskomme, wie ich für Essen und Kleidung aufkomme und womit ich Haus, Heizung und Strom bezahle. Wenigstens sie hat genug übrig für ihr Alter und für schlechte Zeiten, das freut einen Menschen doch. Aber ich sage Dir, es war mir inzwischen schon egal geworden. Zum Glück hatte ich damals Freunde und die Eltern, die mir über diese Gleichgültigkeit hinweg geholfen haben. Ich habe die Scheidung eingereicht. Es hat mich Überwindung gekostet, große Überwindung, aber ich habe es getan. Danach war mein erste Gedanke: Was kann ich entbehren und gegen die Wand feuern. Ich entschied mich für den großen Kugelkaktus, ihr Lieblingsstück. Das war wohl ein Fehler, denn beim Aufsammeln der Scherben und Pflanzenreste habe ich mir x-mal in den Finger gestochen. Damals überlegte ich: Was soll ich jetzt tun? Die Familie ist hin! Doch dafür, dass sie mir die Kinder gelassen hat, könnte ich sie schon wieder küssen. Aber wie kann ich Vater und Mutter gleichzeitig sein und noch dazu für zwei Mädchen. Ich bin ein Mann! Was sollten Mädchen, die später ja mal Frauen werden, so alles können? Woher soll ich das wissen! Ich war überfordert, aber ich wollte es schaffen. Ich habe in den Jahren so ziemlich alles geschafft, auch meine Gesundheit.
Lieber Ulrich, eigentlich weißt Du das alles, aber ich bitte Dich ganz lieb, sprich mit Petra. Es soll keine Drohung sein, nur eine Erklärung! Ich werde nicht mitgehen.
Herzliche Grüße
Dein Peter



