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Der Apfel und ich

Tja, Marienchen, ist ein kleiner Teufel. Ich weiß nicht, wie sich der Name Marienchen in meine Gedanken reingeschlichen hat, da sie in Wirklichkeit Marie heißt. Das ist jedoch nicht weiter schlimm! Ich heiße Sanjin und alle nennen mich Sani. Man kann also zwei Namen haben. Alle sagen: "Sani ist leichter auszusprechen." Warum dann Marienchen? Das ist nicht einmal leichter auszusprechen und viel zu lieblich im Vergleich zu ihr.

Bin ich ein Spielzeug für sie? Zumindest benimmt sie sich so. Wir kennen uns seit der ersten Klasse. Sie sitzt in der ersten Reihe und ich unmittelbar hinter ihr. Somit bin ich gezwungen mir oft ihre geflochtenen Zöpfe anzusehen. Manchmal sehe ich diese hexenroten Haare auch wenn ich nicht in der Schule bin. Und die Augen! So lebhaft und lausbübisch zur selben Zeit. Manchmal auch verträumt und so zauberhaft wenn sie um etwas bittet. Und wenn sie lacht, lachen auch die Sommersprossen auf ihren Wangen. Und diese langen Wimpern! Wenn sie mit ihnen zwinkert, beginnen meine Knie weich zu werden. Ob das der Grund dafür ist oder ob es ein anderer ist, weiß ich nicht, aber sie ist auf irgendeine Art und Weise anders als alle anderen Mädchen in der Klasse.

Sie will immer etwas von mir haben. Das eine Mal ist es ein Radiergummi, das andere Mal ein Blatt Papier, und danach ein Kuli, dieses und jenes und so weiter. Dann nimmt sie mir mein blaues Baseball-Kapperl weg und wirft es hoch in die Luft und dabei kichert sie und schreit wie am Spieß. Und ich muss dann durch das ganze Klassenzimmer laufen, um es zu suchen. Ich weiß nicht wieso, aber sie macht mit mir was sie will. Ich kann nichts dagegen tun. Manchmal spitzt sie ihre schmalen Lippen, hebt die Nase und zeigt mir die Zunge. Ich tue so, als wäre ich wütend, aber eigentlich fühle ich mich irgendwie wohl dabei. Es freut mich, dass ich derjenige bin, der ihre Aufmerksamkeit bekommt, und nicht mein Kumpel und Sitznachbar Harri.

Warum? Warum gerade ich??? Es gibt viele Fragen, aber keine Antworten. Und wer bin ich schon? Ein Bub von zehn Jahren. Ich frage mich, was sie bloß an mir findet? Vielleicht sehe ich komisch aus!? Nein, das kann nicht sein. Ich bin wie alle anderen und kleide mich auch nicht anders. Das ist bei uns Knaben sehr einfach. Ein blaues Baseball-Kapperl, etwas schief getragen. Ein einfaches T-Shirt mit waagrechten Streifen an den Ärmeln. Die Hose leicht unter der Taille. Sportschuhe. Heutzutage ist so was cool. Vielleicht mag sie mich wegen meiner blonden Haare, die immer in Bewegung und selten gekämmt sind. Bei den Mädchen ist das anders. Die Frauen brauchen immer so lange, um sich herzurichten. Zum Beispiel, wenn Vater und Mutter irgendwohin ausgehen wollen.
Er geht ins Badezimmer und rasiert sich, danach zieht er Hemd, Anzug und Schuhe an, und schon sitzt er auf dem Sofa, trinkt ein Bierchen, sieht fern oder liest Zeitung bis Mutter fertig ist. Die Mutti aber beginnt sich unmittelbar nach dem Mittagessen herzurichten. Zuerst färbt sie sich die Haare, trägt eine Maske aus klebrigem Gatsch auf die Gesichtshaut auf und bedeckt die Augen mit zwei Gurkenscheiben. Ich finde, sie sieht dann wie ein außerirdisches Wesen aus.

Danach verbringt sie eine gute Stunde im Bad, um sich zu waschen, die Haare auf den Beinen zu entfernen und sich die Nägel zu lackieren. Nach dem Frisieren kommt die Schminke. Alle möglichen Cremes, Lippenstifte, Lidschatten, Rouges, Eyeliner und viele andere Dinge werden dabei verwendet. Ich weiß nicht einmal, wie man die alle nennt. Und wenn sie mir dann einen Kuss gibt, bleibt der Lippenstift auf meiner Wange und ich brauche einige Zeit vor dem Spiegel, um mir das Zeug aus dem Gesicht zu wischen. Dann kommt sie aus dem Bad und sagt verzweifelt: "Oh, Gott! Ich habe nichts zum Anziehen!" Das kann ich mir kaum vorstellen, denn ihr Kleiderschrank ist voll. Sie zieht sich mehrere Male um und fragt Papa jedes Mal: "Wie sehe ich aus? Passt mir dieses rote Kleid gut oder soll ich doch das rosa Kostüm anziehen?" Er sagt dann immer: "Liebes, keine Sorge, du gefällst mir am besten nackt!" Ich verstehe jedoch nicht, was er damit meint.

Was verstehe ich schon? Ein normaler, blonder Bub ähnlich den anderen in meiner Klasse. Nichts ist anders bei mir und trotzdem macht mich Marienchen verrückt. Vielleicht weil ich gut Fußball spiele. Das kann nicht sein. Mädchen und Fußball sind zwei verschiedene Welten. Anderseits, bin ich auch im Zeichnen von Comic-Figuren gut und davon ist sie begeistert.

Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass es in der Schule ohne Marienchen sicher viel langweiliger wäre. Zum Beispiel hatte sie vor ein paar Monaten Grippe und ist ganze drei Tage zu Hause geblieben. Ehrlich gesagt waren die Stunden ohne sie viel länger und die Schulpausen irgendwie leer. Ich habe nicht so viel Fantasie wie sie, um mir all die Dummheiten auszudenken.

Heute nach der letzten Stunde hat sie mich mit ihren verträumten Augen angesehen, ihre zierliche, kleine Hand ausgestreckt und mir einen Apfel geschenkt. Das hat mich sehr verwirrt. Es war das erste Mal, dass ich von Marienchen etwas geschenkt bekommen habe. Und was hätte ich tun sollen? Ich nahm den Apfel. Ich war so durcheinander, dass ich nicht einmal Danke habe sagen können. Wenn sie mir Gift geschenkt hätte, so hätte ich es sicher auch genommen. Ich weiß nicht warum, aber jetzt esse ich den Apfel. Und das, obwohl mir Äpfel in Wirklichkeit gar nicht schmecken.

Wozu sollen Äpfel überhaupt gut sein? Ich weiß, die Mutti sagt immer, dass die Apfelschale viele Vitamine enthält und dass, wenn ich nur einen Apfel am Tag essen würde, ich gesund bliebe. Sie sagt auch, dass Äpfel gut für die Zähne sind und dafür sorgen, dass man sich nicht so schnell erkältet. Mir aber schmeckt Apfelkuchen besser. Meine Mutti macht den besten Apfelkuchen auf der ganzen Welt. Mit ein wenig Vanillesauce oder Sahne zerschmilzt er auf der Zunge, so gut ist er. Einmal kosten und der Geschmack geht einem den ganzen Tag lang nicht von der Zunge. Aber noch besser schmecken Äpfel als Apfelmus in den Palatschinken meiner Oma. Und danach bekommt man immer einen riesigen Durst. Mir schmeckt zwar Cola besser, aber Apfelsaft mit Mineralwasser ist auch nicht schlecht, besonders im Sommer an heißen Tagen. Na ja, jedem das Seine. Opa hat zum Beispiel Apfelschnaps und Apfelwein bevorzugt und nach jedem Stamperl sagte er laut: "Was für eine Medizin!" Man kann auch Salat mit Äpfeln zubereiten. Ich esse zwar nicht gerne Salat, aber mit Apfelessig riecht er viel besser.

Papa erzählte mir einmal, dass es dort wo er geboren wurde, eine ganze Straße voll von Apfelbäumen gibt. Er hat dort oft als Junge gespielt. Mit Freunden ist er in die Baumkronen hochgeklettert. Im Herbst, als die Äpfel reif waren, haben sie mit ihnen nacheinander geworfen und sind ganz verdreckt nach Hause gekommen. Die Eltern waren zwar böse, aber es hat Spaß gemacht. Das kann ich mir auch gut vorstellen, denn mir hätte es auch sicher Spaß gemacht.

Der Apfel, den ich von Marienchen bekommen habe, hat jedoch einen besonderen Geschmack. Dieser schmeckt gar nicht schlecht. Er ist leicht sauer und seltsam süß. Sehr saftig, aber der Saft verklebt einem nicht die Finger. Er ist nicht wie jene großen, gelben Äpfel, die sehr süß sind und manchmal wie Kartoffeln schmecken. Auch nicht wie die Roten, welche süßsauer schmecken. Ich habe auch unreife Äpfel gekostet. Die schmecken wie Zitronen und bringen einen dazu das Gesicht zu verziehen. Der Apfel von Marienchen ist grün. Im ersten Moment habe ich gedacht, der sei nicht reif oder wäre voll von Würmern. Was kann man denn sonst von einer kleinen Hexe wie Marienchen erwarten!? Aber alles nur falsche Gedanken. Der Apfel schmeckt mir mit jedem Bissen mehr. Worauf darf ich denn in nächster Zeit hoffen? Vielleicht hat Papa Recht, wenn er sagt: "Wenn es um Frauen geht, dann kann ein Mann nur hoffen." Nun, worauf darf ich also in nächster Zeit hoffen? Wird Marienchen netter zu mir sein? Wird sie mich in nächster Zeit in Ruhe lassen? Will ich das überhaupt? Und ich verstehe nicht, womit ich mir diesen Apfel verdient habe!? Wer versteht schon die Welt der Mädchen? Papa sagt auch: "Die Frauen soll man akzeptieren. Verstehen kann man sie sowieso nicht. Das ist unmöglich." Dann frage ich mich oft, wie er und Mutti es schaffen, so gut miteinander auszukommen. Dafür gibt es sicher eine andere Erklärung.

Oma hat mir einmal erzählt, dass Eva Adam auch einen Apfel geschenkt hat und dann sind sie beide von Gott aus dem Paradies vertrieben worden. Das steht in der Bibel, einem großen Buch, dass ich noch nicht gelesen habe, geschrieben. Demnach ist die Frau an allem Schuld. Das aber kann auch nicht wahr sein! Denn der Mann, der den Apfel mit Freude entgegen nahm, ist ebenfalls schuld. Ist Papa gut gelaunt, so sagt er: "Die Frauen, mein Sohn, sind wie Sahne zum Leben. Das Leben kann man allein genießen, aber mit Frauen schmeckt es viel besser." Wenn ich das auf Marienchen beziehe, so könnte es stimmen.

Wenn man vom Teufel spricht! Da ist sie wieder! Marienchen! Mit ihren gestreiften Strümpfen, schelmisch zwitschernd: "Na, schmeckt´s!?" Man kann nicht einmal in Ruhe sein Geschenk essen.

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