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Timos grosser Tag

Timo lag im Bett und war sauer. Bis zum Nachmittag war es ein super Tag gewesen. Sein großer Tag – vielleicht der größte seines Lebens, und er war immerhin schon siebeneinhalb. Doch jetzt war alles blöd, und er konnte sich kein bisschen mehr freuen. Schuld daran war seine Mum.

Den Sonntagvormittag verbringt er in aufgeregter Vorfreude. Er trägt sein coolstes Outfit: Jeans, Turnschuhe, blaues Lieblingsshirt. Die unvermeidliche rote Baseballkappe sitzt verkehrt herum auf seinem Kopf und verdeckt sein strohblondes, strubbeliges, kurzes Haar. Seine hellbraunen Augen blitzen ihm aus dem Spiegel entgegen. Perfekt! Timo ist mit sich zufrieden. Seine Fußballsachen, die er schon am Tag vorher gepackt hat, stehen griffbereit an der Haustür. Es gibt absolut nichts mehr zu tun, und die Zeiger der Uhr schleppen sich dahin. Doch schließlich ist es soweit, seine Mama bringt ihn zu seinem allerersten Spiel gegen eine andere Vereinsmannschaft.

Die Trikots der jungen Kicker leuchten rot-weiß in der Nachmittagssonne. Voller Stolz blickt der Trainer auf seine Jungs und wünscht ihnen Hals und Beinbruch. Eltern und vereinzelte andere Zuschauer verteilen sich um das riesige Spielfeld, die gegnerische Mannschaft in blau-weiß nimmt ebenfalls Aufstellung und dann: Anpfiff! Von Anfang an ist das Spiel spannend, denn schon nach kurzer Zeit übernimmt Timos Mannschaft mit eins zu null die Führung. Aber ihre Gegner sind zäh und kämpfen verbissen weiter. Eine wilde Schlacht um den Ball entbrennt, mit der ein oder anderen versiebten Torchance für beide Seiten. Doch dann kontern die anderen mit einem Gegentor in der zweiten Halbzeit. Eins zu eins steht es, und es sind nur noch wenige Minuten zu spielen, da passiert das Unglaubliche:

Patrick kriegt den Ball an der Mittellinie und guckt sich um. Timo erkennt die Situation als erster. Er löst sich von seinem Gegenspieler und startet in den freien Raum. “Jetzt, spiel Patrick, spiel!”, denkt Timo. Und wirklich! Patrick hat Timo gesehen und spielt den langen Ball. Was für ein Pass! Timo rennt, der Ball kommt direkt in seinen Lauf. Er nimmt den Ball und den direkten Weg zum Tor. Ein Blick nach hinten, zur Seite; Timo ist allein, nur er und der Ball. Jetzt kann ihn niemand mehr halten. Ja, das ist seine Chance, seine erste richtig gute Chance. Er wird immer schneller, und nur noch der Torwart vor ihm. Er legt alle Kraft in den Schuss und schießt. Ja! Timo schaut dem Ball nach, der fliegt und fliegt und ... trifft. Direkt in den Winkel. Tor, Tor, Tor! Er hat es geschafft, der Ball ist drinnen. Alle stürmen auf Timo zu. Sie fallen über ihn her, allen voran Patrick. Ja, der hat gepasst. Er ist drinnen. Sattes Ding! Timos Freude ist grenzenlos. Er hat sein Tor geschossen, sein erstes - sein wichtigstes! Das ist der Sieg. Ihr Sieg.

Stolz wandert sein Blick zu den Zuschauern, zu Mama. Doch seine Mutter ist mit Patricks Mum in ein Gespräch vertieft. Sie scheint sich über irgendwas zu ärgern und macht ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Timo winkt ihr freudestrahlend zu, aber seine Mama schaut nicht in seine Richtung, also verschwindet er mit den anderen in der Umkleide.

Etwas später kommt er als einer der ersten zum Ausgang gestürmt und schreit schon von weitem: “ Mama, hast du mein Tor gesehen? Hast du gesehen, wie das Ding geflogen ist?” “Ja, prima!”, antwortet sie, “Willst du einen Apfel?” “Ich hab` keinen Hunger. Hast du Patricks Vorlage ...”. “Du hast den ganzen Tag noch kein Obst gegessen”, unterbricht sie ihn und redet was von Vitaminen gerade nach dem Sport und so weiter. In Punkto Ernährung hat sie schon öfter längere Vorträge gehalten, aber heute scheint es für sie das wichtigste Thema überhaupt zu sein. Mit irrem Tempo hastet sie die Straße entlang und redet auf ihn ein.

Timo , total genervt, versucht Schritt zu halten. Er will über das Spiel reden, und sie redet was von Äpfeln. Aber Timo hat hier keine Chance, sie lässt ihn überhaupt nicht zu Wort kommen. Als sie ihm kurz vor der Haustür das Ding zum dritten Mal unter die Nase hält, greift er zu und bleibt stehen. Mit vor Wut blitzenden Augen beißt er hinein, immer und immer wieder. Kauen, schlucken, beißen. Mit vollen Backen, immer mehr in sich hinein stopfend, dass der Saft nur so aus den Mundwinkeln läuft, arbeitet er sich einmal um den Apfel herum. Seine Mum sieht mit Gewittermiene zu, da lässt Timo den Apfel fallen und kickt ihn mit einem gezielten Schuss in die Büsche. “Jetzt hab` ich deinen bescheuerten Apfel gegessen”, schreit er, “aber das Tor hab` ich schon vorher geschossen!”

Da geht es erst richtig los. Was denn das für ein Ton sei, und so ginge man mit Lebensmitteln nicht um. Es folgt eine endlose Tirade von Vorwürfen und Geschimpfe. Timo sagt überhaupt nichts mehr. Er hat Mühe, nicht los zu heulen, und trottet verbissen schweigend hinter seiner Mutter her. Zuhause verkrümelt er sich sofort in seinem Zimmer und lässt das Abendessen ausfallen. Kein Wort mehr über Äpfel, aber auch kein Wort mehr über sein großartiges erstes Fußballspiel.

Jetzt lag Timo todtraurig in seinem Bett. Alles war so wunderbar gewesen und hatte sich großartig angefühlt. Doch schon im nächsten Moment war er einfach geschrumpft, bis er sich nur noch klein, mickrig und unbedeutend fühlte. Timo konnte die Tränen nicht mehr aufhalten, groß und schwer kullerten sie über sein kleines, siebeneinhalbjähriges Gesicht.

Und so weinte sich ein bitter enttäuschter und sehr einsamer kleiner Junge in den Schlaf.

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