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Arme Seele

Wir waren da, endlich wieder bei meiner Oma im Sauerland. Die Sonne überflutete das alte Fachwerkhaus mit satten goldgelben Sommer-nachmittagsstrahlen, die das weiß gekälkte Mauerwerk gleißend zurückwarf, während die schwarzen Balken das Licht hungrig verschluckten.

Ich hüpfte aus dem Auto und atmete tief ein, genoss die berauschenden Düfte, schaute den geschäftig summenden Bienen und den tanzenden Schmetterlingen zu und sprang ihnen hinterher.

„Benimm dich und bleib erstmal im Haus!“, mein Vater baute vor mit strenger Stimme und diesem Blick, der von seinem 10-jährigen Sohn wie selbstverständlich Gehorsam verlangte.

„Ja, Papa!“, gab ich gespielt kleinlaut zurück, wohlwissend, daß ich die nächste Gelegenheit nutzen würde, um mich davon zu machen, raus in das Dorf, die Jungs zusammentrommeln und Pläne schmieden für die langen Sommerferien.

Ich tobte und jubelte ins Haus. Hier drinnen war es dämmerig und kühl. „Pssst!“, hörte ich und verstummte. Alle schauten mich betreten an, keiner lachte. Keiner begrüßte mich. Kein Onkel nahm mich hoch und wirbelte mich durch die Luft, wie sonst immer. Keine Oma, die mich in den Arm nahm, mir den Kopf streichelte und dann auf ihre fürsorgliche Art ein Budderbrraod schmierte, weil ich doch bestimmt Hunger häwwe tät.

Meine Eltern schoben mich weiter in den Flur und flüsterten mit den Tanten. Jeder hetzte in gezwungener Ruhe die Treppe rauf und runter, wollte etwas besorgen und nützlich sein. Alles konzentrierte sich auf das obere Zimmer gleich links an der Treppe.

Meine Freude floß dahin, wie Badewasser durch den Gully. Stattdessen spürte ich die bedrohliche Gegenwart von etwas Fremdem. Es sickerte in mich ein, wie brackiges Wasser in ein leckes Schiff, angstvoll und unheimlich strömte es und füllte mich ganz aus. Auch meine Eltern spürten es und wurden still und ehrfürchtig.

Ich bekam eine Gänsehaut und strich durch die große Wohnküche nach hinten in den Stall. Die Kühe waren noch draußen auf der Weide. Zwei Schweine grunzten verschlafen und ein paar Hühner gackerten müde. Der schöne weiße Hahn kam ans Gitter und musterte mich prüfend. „Und, wann hast du das letzte Mal mit dem Braunen gekämpft?“, fragte ich ihn flüsternd. Der Hahn blickte stolz, wendete und zeigte mir die kalte Schulter. „Du hast nie Angst, hm?“ Er reckte sich arrogant und krähte aus vollem Hals. Die Hennen schreckten hoch und gackerten aufgeregt nach draußen. In mir gackerten Angst und Fluchtgedanken, aber die kindliche Neugier krähte fordernd und trieb mich zurück.

Schon in der Küche hörte ich die Tanten leise weinen: „Luaft müss sei hänn, Luaft!“ Wolken schoben sich vor die Sonne und breite Schatten umflossen die Schuhe meiner Eltern, zogen sich langsam die Beine hinauf, eroberten die Treppe Stufe für Stufe und eilten unaufhaltsam höher, bis alles in tiefe Dämmernis gehüllt war. Ich schauderte und wußte jetzt, daß der Tod zu Besuch war. Er blickte mich aus den Gesichtern der Verwandten an, die von Trauer und Verzweiflung und ein bißchen Schuld gezeichnet waren. Auch ich spürte diese Schuld, denn ich fühlte mich so jung und lebendig in diesem Augenblick. Unantastbar und weit weg von dem Moment, wo ich einst sterben müßte und das wollte ich auch sein – unantastbar und weit weg.

Plötzlich fingen alle an zu beten und ich hörte nun auch den Pastor, wie er mit harter Stimme etwas unsichtbar Mächtiges aufzuhalten versuchte und dabei gar nicht betend klang. Meine Eltern falteten die Hände, senkten die Köpfe und ich machte es ihnen nach. Stille – und jäh hörte ich einige Frauen klagen.

Meine Oma kam aus dem Zimmer und stieg gebeugt und mit schweren Schritten die Treppe hinunter. Sie sah uns an mit ihren weisen gütigen Augen, richtete sich auf mit einem Ruck, einer inneren Kraft, die ihr der Glaube verlieh und sagte: “De Herr hätt se jehoalt. Et Tant Louise is nu jestorve. Gott, giff de arme Seel de ewije Ruh!“

“Unn dat ewije Licht leuchte ihr!“, antworteten alle im Chor.

„Amen!“, dann nahm sie mich in den Arm und streichelte meinen Kopf.

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