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Ein Glücksfall

Durch einen feuchten Nasenstieper in meinem Gesicht wurde ich an diesem Maitag geweckt. Ich hatte einen leichten Schlaf und wusste sofort wer da etwas von mir wollte. Es war ungefähr dreiviertel fünf und es wurde bereits hell. Zärtlich, jedoch etwas ungelenk versuchte Einstein unter meine Bettdecke zu schlüpfen.

Einstein, ein etwas ungewöhnlicher Name für ein Kätzchen. Ich bin aber der Meinung, sie trägt ihn zurecht. Als Welpe war sie dermaßen neugierig, dass sie stets auf meinem Bücherregal herum kletterte. Sie warf mir sämtliche Bücher raus. Man konnte annehmen, sie suchte etwas ganz bestimmtes. Zu meinem Leidwesen knabberte sie auch einige Bücher an. Ich weiß, Albert hätte das sicher nicht getan. Meine kleine Einstein war ein sehr wildes Kind.

Jetzt suchte Einstein unter meiner Decke Geborgenheit. Verlegen leckte sie meine Hand und schmiegte sich an meinen Körper. Sie begann gegen meinen Bauch zu treten. Immer wieder jammerte sie vor sich hin. Meine Versuche, sie durch fortwehrendes streicheln zu beruhigen, halfen nicht. Einstein drückte ihren Kopf in meine Hand und schnurrte. Bei Katzen ist das Schnurren nicht nur Ausdruck von Wohlbehagen. Sie schnurren auch, weil es ihre Schmerzen lindert. Sie wirkte etwas unglücklich, als wollte sie fragen: Was geschieht nur mit mir?

Als meine Hand vorsichtig über ihren Bauch glitt, bewegte sich etwas in ihr. Es war offensichtlich, heute sollte es nun soweit sein.

Mein Mann schlief tief und fest neben mir. Er bekam von alledem nichts mit. Hin und wieder hörte ich nur ein leises Schnarchen.

Das Seufzen unter meiner Decke wurde jedoch immer eindringlicher. Auch meine sanft gesprochenen Worte konnten Einstein nicht mehr beruhigen. Liebevoll streichelte ich ihr immer wieder über ihren Körper. Ihr Fell fühlte sich klamm an. Sie stand sicher unter enormen Stress. Was ging nur in dieser kleinen Katze vor. Allein der Gedanke, dass sie alles instinktiv richtig machen wird, beruhigte mich.

Mit einem Mal schien ihr die Wärme und Nähe zu viel zu sein. Sie krabbelte unter der Decke hervor und verschwand in der Kiste, die wir für diesen Tag vorbereitet hatten.

Je stärker die Wehen wurden, um so lauter wurde auch ihr Klagen. Es tat mir in der Seele weh, meine Katze so leiden zu hören. Doch dann wurde es still. Für eine Weile schien sie sich beruhigt zu haben.

Plötzlich ein Schrei. Wie der Aufschrei eines Kindes. Mein armes Kätzchen. Nun war es soweit

Ich gab ihr noch etwas Zeit, bevor ich meine Neugier stillen musste. Doch dann wollte ich unbedingt sehen, ob alles in Ordnung war. Vorsichtig schob ich die Abdeckung beiseite. Natürlich nur so viel, dass ich einen winzigen Blick hineinwerfen konnte. Da lag es nun. Einsteins erstes Baby, nass, blind und dürr – einfach wunderschön. Immer und immer wieder putzte Einstein es liebevoll.

Sie schaute mich mit einem Blick an, der nur bedeuten konnte: Lass mich jetzt in Ruhe! Du siehst, jetzt schaffe ich es allein.

So ging ich zurück in mein Bett, aber schlafen konnte ich natürlich nicht mehr. Ich starrte an die Zimmerdecke und hörte auf jedes noch so kleine Geräusch. Es ist kaum zu beschreiben, was ich damals fühlte. Ich war überglücklich.

Zwei Stunden noch, dann würde mein Wecker klingeln und ich müsste mich für die Arbeit fertig machen. Solange hielt ich es in meinem Bett jedoch nicht mehr aus. Ich wollte unbedingt sehen, was sich in der Zwischenzeit in der Wurfkiste getan hat. Und es hatte sich eine Menge getan. Es war unglaublich. Es lagen nunmehr drei kleine Katzenwelpen ganz dicht an ihre Mutter gedrängt. Eines war entzückender, als das andere. Kein Kunststück bei so einer schönen Mama.

Aber auch bei diesen Drei sollte es nicht bleiben.

Einstein war voll und ganz damit beschäftigt ihre drei Babys abzulecken. Da wollte noch ein viertes Junge auf die Welt. Anscheinend fiel es ihr überhaupt nicht schwer und sie hatte dabei auch keine Schmerzen. Ohne jegliche Anstrengung verließ das Junge den Mutterleib. Es flupste einfach so heraus. Offenbar nahm es Einstein nicht einmal wahr. Es lag völlig bewegungslos in seiner Fruchthülle und seine Mutter kümmerte sich nicht. Sie hatte nur Augen für ihre drei Mädchen, putzte mal die eine, mal die andere.

Nach einigen Minuten, sie kamen mir vor wie eine Ewigkeit, bewegte sich das Junge doch. Offenbar wollte es endlich raus aus dieser schleimigen Hülle und nach Luft schnappen. Bestimmt wusste Einstein, was sie da machte oder besser nicht machte. Aber ich konnte es nicht mehr mit ansehen. Als auch gut zureden nichts half, stupste ich sie mit der Nase auf das Baby. Nun endlich fing sie an, die Fruchthülle aufzubeißen. Jetzt war ich beruhigt. Sie durchbiss die Nabelschnur und fraß die Nachgeburt. Dann leckte sie auch ihr viertes Kind liebevoll trocken. Es war ein kleiner Kater. Er war noch winziger, als seine Schwestern. Es schien aber alles in Ordnung zu sein.

Ein Blick auf die Uhr holte mich zurück in die Realität. Es war höchste Zeit. Ich musste zur Arbeit. Gerne wäre ich an diesem Tag zu Hause geblieben, hätte einfach auf Arbeit angerufen und mich entschuldigt. Ein Glücksfall in der Familie.

Mein tapferes Mädchen allein zu lassen, fiel mir schwer.

Langsam wurde jetzt auch mein Mann wach. Er hatte zwar das Schönste verpasst, konnte nun aber ein Auge auf die Kinder haben

Gegen neun Uhr rief mein Mann mich auf Arbeit an. Er war aufgeregt und seine Stimme klang gerührt. Er erzählte mir, dass Einstein gerade noch ein fünftes Junges zur Welt gebracht hat. Er war wie ein kleines Kind. „Den müssen wir behalten“, sagte er. „Den will ich. Der ist ganz rot, der größte von allen. Ich habe auch schon einen Namen.“

Als ich abends nach Hause kam, lag die völlig erschöpfte Einstein in ihrer Kiste. Fünf kleine Katzenwelpen lagen schlafend an ihren Zitzen. Sie waren so winzig, dass sie nicht einmal eine Handfläche ausfüllten.

Nur einer war etwas größer, als die anderen.

Und dieser kleine rote Kerl durfte letztendlich tatsächlich bei uns bleiben. Nun ist er fast drei Jahre alt, ein stattlicher Kater von über sieben Kilo.

Sein Name ist Sammy.

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