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Malchus
Schon vor langer Zeit hatte Malchus aufgehört zu klagen. Viele Jahre als Bettler in den Straßen Jerusalems hatten ihn abstumpfen lassen, und er lebte nur noch in einem nebelhaften Dämmerzustand. Er konnte von Glück sagen, dass Sefas, der oberste Diener des Hohepriesters Kajafas, ihn eines Tages aufgriff und zum Knecht seines Herrn machte. Sein Leben war zwar von härtester Arbeit geprägt und nicht selten hagelte es willkürlich Schläge und Fußtritte von den Aufsehern, aber er hatte nachts ein Dach über dem Kopf, und, was das Wichtigste war, es gab genug zu essen.
Wieder neigte sich ein freudloser Tag seinem Ende zu. Es war der Tag des Paschafestes, für die Knechte einer der schlimmsten Tage des Jahres. Ob beim Schlachten der Lämmer, dem Herbeischaffen der Brotfladen und der Weinfässer oder dem Aufwarten von Kajafas und den eingeladenen Pharisäern beim Paschamahl – überall mussten sie mit anpacken und dazu die sich häufig widersprechenden Befehle der gereizten Aufseher erdulden.
Völlig entkräftet lag Malchus auf seiner Pritsche in der schäbigen Baracke hinter dem Tempel und wollte nur noch seine Ruhe.
Da flog mit einem lauten Schlag die Tür auf. “Alle sofort mitkommen, es gibt Arbeit!” brüllte Sefas in den dunklen Raum. Schwerfällig und stöhnend erhoben sich Malchus und die anderen Knechte von ihren Pritschen. “Schneller! Oder ich mach´ euch Beine!” wurden sie angetrieben.
Draußen warteten bereits mehrere dunkle Gestalten. Sie waren mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet. Malchus erkannte einen der Männer. Vor ein paar Tagen hatte er ihn im Hof des hohepriesterlichen Hauses gesehen, als er von Kajafas Silbermünzen bekommen hatte. Die anderen nannten ihn Judas.
Judas schien das Kommando über den Trupp zu haben. “Wir gehen jetzt auf den Ölberg in den Garten Getsemani. Dort nehmen wir einen Mann fest. Wahrscheinlich hat er einige Gefolgsleute bei sich, die kämpfen werden. Also seht euch vor! Wir werden so tun, als kämen wir in friedlicher Absicht. Derjenige, den ich küssen werde, der ist es. Ergreift und fesselt ihn!”
Die Horde setzte sich johlend in Bewegung. Auch Malchus hatte einen Knüppel bekommen. Ihm passte das überhaupt nicht. Er war kein Schlägertyp und außerdem hundemüde. Aber hier hatte er nichts zu melden.
Die Nacht war kalt und stockfinster. Kein Stern erleuchtete den Himmel. Je näher sie dem Ölberg kamen, desto ruhiger wurden die Männer. Am Garten Getsemani war es totenstill. Nichts regte sich. Plötzlich sahen sie am Eingang des Gartens eine kleine Gruppe von Menschen. In der Mitte stand ein großer bärtiger Mann mit langen Haaren, der in ihre Richtung schaute, fast so als erwartete er sie.
Judas ging voraus. Er wechselte ein Paar Worte mit dem Mann in der Mitte und küsste ihn. Sefas gab den Befehl zum Angriff.
Malchus fand sich unversehens mitten im Kampf wieder. Ein Fremder mit einem Schwert stürzte sich auf ihn. Dem ersten Schlag konnte er noch ausweichen, den zweiten spürte er am Kopf. Er griff an sein rechtes Ohr, doch es war nicht mehr da. Stattdessen war seine Hand voll Blut.
“Hört auf, nicht weiter!” schrie der große Mann, der die ganze Zeit reglos dagestanden hatte. Augenblicklich hielten die Kämpfer inne und starrten auf ihn. “Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen!” sagte er. Er ging auf Malchus zu und sah ihn mit unendlich sanften Augen an. Malchus war verwirrt. Der Mann kam noch einen Schritt näher und berührte die Wunde. Malchus wurde von einem gewaltigen Energiestrom durchflutet. Sein Körper bebte. Nie zuvor hatte er so etwas erlebt. Unwillkürlich fasste er an sein Ohr. Es war wieder da - und das Blut war weg. Er hatte auch keine Schmerzen mehr. Im Gesicht des Mannes glaubte er ein feines Lächeln zu erkennen.
Wie betäubt stand Malchus da, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Er nahm nur noch am Rande wahr, dass der Mann sich widerstandslos festnehmen ließ und weggebracht wurde. Ihn beachtete niemand. Plötzlich war er allein. Wie in Trance schlich er zurück in seine Schlafbaracke.
Auch am folgenden Tag fragte keiner nach ihm. Die ganze Stadt war in Aufruhr. Von weitem beobachtete er, wie der Mann, Jesus, gekreuzigt wurde. Als er starb, spürte Malchus einen Stich im rechten Ohr.
Noch lange war die Kreuzigung das Hauptgesprächsthema in Jerusalem. Später behaupteten sogar einige, Jesus wäre von den Toten auferstanden. Malchus verstand nichts von alledem. Doch sein Leben veränderte sich. Seine Gesichtszüge wurden glatter und seine Augen heller. Oft hörte man ihn leise lachen. Wenn seine Mitknechte ihn nach dem Grund fragten, wusste er keine Antwort.



