Prämierte Kurzgeschichten 2004
Christa Nippe: „Begegnung“
Die Ich-Erzählerin fällt zurück in die dunkle Ebene der frühen und mittleren Geschichte der DDR und schildert in einer bewegenden Mischung aus innerem Monolog und eingeflochtenen historischen Fakten die unerträgliche Verquickung, der weder Mitläufer, Täter und Opfer in einem totalitären Staat entkommen können. Besonders beeindruckend an diesem Text ist die knappe, ja fast emotionslose Sprache, die die Begegnung mit der Mutter um so erschütternder transportieren kann.Rebecca Kleber: „Der Rosengarten“
Diese Arbeit besticht durch das Konzept: ein Bild ist der Angelpunkt der Erzählung, und der Leser wird gezwungen, es von innen und außen zu betrachten. Die scheinbar freundliche, sonnige Stimmung, hinter der sich stetig eine lauernde, nicht zu fassende Bedrohung aufbaut, lässt die Protagonisten und den Leser gleichermaßen nicht los: die „gefangene“ Frau fängt das Kind, das sein Misstrauen angesichts der Heiterkeit der Mutter nicht auszudrücken vermag.Sylvia Hubele: „Die Heimkehr“
Hier erleben wir einen Menschen, der sich sein Leben lang nicht von der Schuld am Tod seiner Mutter befreien kann und fast gewollt nach einem Leben ohne wirkliche Tiefe sterben wird. Die Autorin wirft gekonnt die nicht zu beantwortende Frage auf, ob Zufall oder Schicksal unser Leben bestimmen. Besonders gut gelungen ist in dieser Arbeit die Verbindung zwischen nüchternem Ausdruck und logischer Folgerichtigkeit des ErzähltenMartina Bethe-Hartwig: „Nächte ohne Irmi“
Ein Kind ist untröstlich: der Erzählerin gelingt es, die tiefe, fast gereifte Trauer über die unabwendbare innere und äußere Einsamkeit zu schildern, die Marie angesichts von drei Verlusten – der Mutter, des Katers und der Puppe – empfinden muss. Psychologisch einfühlsam und mit fließender Sprache überzeugt uns dieser Text davon, dass es auch ohne kitschige Phrasen möglich ist, kindliches Erleben zu transportieren.Daniela Taetow: „Die Buchstabenstickerei“
Hier finden wir ein Talent für die Beschreibung: sehr plastisch und lebendig und überaus stimmungsvoll schafft es die Autorin, Figuren, Gefühle, Gerüche und Farben vor unserem geistigen Auge entstehen zu lassen, so dass wir meinen, selbst dabei zu sein. Überzeugend greift sie das traditionelle Thema des Traumes, der uns wie Realität erscheint, auf und gibt diesem Konzept eine überraschende neue Note.Andi Zemp: „Déja-vus“
Auch diese Arbeit beschäftigt sich mit der Verwirrung, die zwischen Albtraum und Alltag entstehen kann. Hier aber verwendet der Erzähler, um die Tatsache des „nur-Geträumten“, das sich in der Realität erschreckend wiederfindet, zu verdeutlichen, elegant die Dialogtechnik: über die Rede, und nicht die vertiefende Schilderung, wird das Erschrecken des Träumers ganz und gar deutlich.




