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Déja-vus

„Ding, ding!“, tönte eine Glocke durch die hereinbrechende Nacht. Der Wind schlug an irgendeine kaputte Ladentür, die sich auf diese Weise immerzu in der Angel drehte. Das dabei ausgelöste Gebimmel kam ihm vertraut vor. Jim versuchte sich zu erinnern, als er über die staubige Hauptstrasse ritt. Keine Menschenseele zeigte sich.

„ Gottverlassenes Nest! Werden wohl alle im Saloon sein, wenn überhaupt“, überlegte er. Für den Kirchgang war es bereits zu spät, und aus keinem der Häuser drang Licht. War da nicht eine Gestalt? Jim lichtete seine Hutkrempe und weitete seine Augen, als ob er so die Dunkelheit verscheuchen könnte. Schemenhaft zeichneten sich die Konturen einer Frau ab. Ihr langes blondes Haar hing wie tot von den Schultern.

„ Lust auf einen Drink, Mister?“, fragte sie beim näher kommen.
„ Na immer!“, entgegnete Jim.
Er entspannte sich ob der freundlichen Einladung. Das blonde Mädchen hatte sich richtig herausgeputzt. Ein typisches Saloongirl, wie sie im Westen zu Hunderten vorkommen. Mit etwas Zuwendung versuchen sie den einsamen Cowboys das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Im Saloon herrschte reger Betrieb. Das Mädchen winkte dem Barkeeper. Auf der Bühne schwangen ein paar ihrer Kolleginnen die Beine gefährlich in die Höhe.
„ Ein Cancan. Ist was französisches“, erklärte sie und schob Jim einen Whisky zu. Der Schnaps brannte wie Feuer in seiner Kehle.
Sie lachte zufrieden.
„ Hat der Cowboy Hunger?“
„ Und ob!“
Sie verschwand hinter dem Tresen in der Küche. Jim musterte die Gäste. Überall war man im Gespräch oder im Kartenspiel vertieft. Niemand schien von ihm Notiz zu nehmen. Als sie mit einem großen Steak, reichlich Kartoffeln und Bohnen wieder auftauchte, setzten sie sich in eine freie Nische. Jim stürzte sich gierig auf den Teller. Die anderen beachtete er nicht länger. Zwischendurch blickte er in die großen blauen Augen des Mädchens. Sie kam ihm bekannt vor, nur wusste er nicht mehr, wo er sie schon gesehen hatte.
„ Sind wohl auf ein Abenteuer aus. Sonst hätten Sie nicht hierher kommen brauchen.“
„ Wie kommst du darauf?“
„ Werden schon sehen.“
Kaum hatte sie ausgesprochen, veränderte sich alles. Die vornehme Wandtäfelung vermoderte, ebenso wie Tische und Stühle. Jims Stuhl zerbrach, und er stürzte zu Boden. Dichter Staub nahm vom Saloon Besitz. Treppe, Bühne und Tresen wurden von Spinnweben überzogen. Die Menschen, welche eben noch gemütlich getrunken und gelacht hatten, verwesten von einem Augenblick auf den anderen. Sie glotzten auf den wie gelähmt am Boden liegenden Jim. Das Mädchen, ein Schrumpfkopf mit Froschaugen, beugte sich zu ihm hinunter. Er wollte schreien, statt dessen kotzte er sein Steak in die grässliche Fratze des Mädchens. Sie legte ihre fleischlosen Finger um seinen Hals. Von weitem hörte er einen Wecker gehen.

Jim schreckte hoch. Der ratternde Wecker brachte ihn nur langsam in die Realität zurück. So einen schlimmen Alptraum hatte er noch nie gehabt. Er zitterte am ganzen Körper. Nach einer Weile untersuchte er die ganze Wohnung nach scheußlichen Kreaturen. Beim Morgenkaffee war die Geschichte schon vergessen. Seine Ängstlichkeit berührte ihn peinlich. Wenig später nahm er die Straßenbahn. In einer Ecke vertiefte er sich in die Zeitung.
„ Wollen Sie eine Fahrkarte?

Als er in die blauen Augen der Schaffnerin blickte, schien ihm das Herz stillzustehen. Es war dasselbe Mädchen aus dem Traum. Sprachlos starrte er sie an. "Sonst hätten Sie nicht hierher kommen brauchen“, lächelte sie.
Vorne läutete der Fahrer zur Weiterfahrt: „Ding, ding!“

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