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Begegnung

Sie scheint sich nicht zu erinnern. Damals war sie erst vier Jahre. Weiß man mit 20 noch, was da war? Ausgerechnet sie fährt mich zu meiner sterbenskranken Mutter. Ein Anruf meines Onkels aus West-Berlin. - „Deine Mutter liegt im Sterben. Krebs. Geh noch einmal zu ihr nach den vielen Jahre.“ - Mit meinem westdeutschen Ausweis kann ich jederzeit nach Ostberlin. Die Berliner nicht. Sie haben darüber beraten, wer mich hinfahren soll. Meine jüngere Cousine ist die einzige, die einen westdeutschen Pass hat. Nun fährt sie mich, bringt sich noch selbst in Gefahr. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich noch auf der Liste der gesuchten Personen stehe. Was, wenn sie mich doch noch schnappen?
Bestimmt kann sie sich nicht erinnern.
Es war heiß und stickig in den ungelüfteten Zellen, roch nach ungewaschenen Körpern, Urin, Fäkalien, Kohlsuppe und Angst. Angst vor Verhören, Dunkelhaft und Unberechenbarkeit. Wegen Schmuggels von Druckerzeugnissen in Haft. Illustrierte aus dem Westen, Bilder von nackten Mädchen und so. Konnte man gut verkaufen damals. Überhaupt Sex, mein Gott, ich war jung am 16. Juni 1953. Die ersten Gerüchte: Sie sind auf das Brandenburger Tor geklettert, haben die rote Fahne runtergeholt. Die Arbeiter sind auf der Straße. Kämpfen fürs Überleben gegen russische Panzer. Dann haben sie uns befreit, die Gefangenen. Ich bin gleich mit der U-Bahn zu meinem Onkel in den Westen gefahren. Zu meiner Mutter hätte ich nicht gekonnt. Sie war Parteimitglied. Stalin, du meine Sonne. „Ich sorge dafür, dass du deine Strafe absitzt.“ Das waren ihre letzten Worte, bevor sie mich endgültig einschlossen. Sie wollte unbedingt die Jugend auf den rechten Weg bringen. Jetzt stirbt sie. Und ich bringe mich in Gefahr, um sie nach all den Jahren noch einmal zu sehen.“
Grenzübergang Bornholmer Brücke. Grau. Beängstigend. Selbst die Sonne am klaren blauen Himmel schrickt vor dem Stacheldraht und den Grenzbefestigungen zurück, kann die Borniertheit nicht durchbrechen. Der Vopo will die Pässe sehen. „Pass?“ Mir wird schlecht, alles dreht sich. Ich wusste nicht, dass ich einen Pass brauche. Es folgt ein stundenlanges Verhör. Hauptsächlich fragen sie nach meiner Cousine. Sie wollen alles wissen. Sie ist Studentin, was studiert sie und wo? Ist sie politisch aktiv? Was macht sie in Ostberlin? Mich haben die längst vergessen. Sie geben mir für viel Geld eine Bescheinigung. Wir dürfen einreisen.
Sie scheint es wirklich nicht mehr zu wissen. Und wenn sie sich doch erinnert? Damals, sie war erst vier. Ganz zutraulich. Eher kleiner als ihre zwei Geschwister. Pusteblümchen. Sie hatte so dünne blonde Haare, dass man die Kopfhaut sehen konnte. Mit ihr konnte man es machen. Zuerst hat sie sich nicht gewehrt. Alles konnte man machen. Dachte ich. Vielleicht würde es ihr sogar gefallen. So ein kleines Kind kann das ja noch nicht beurteilen. Ich würde ihr nicht wehtun. Ganz bestimmt nicht. Außerdem war es mir egal. Damals.
Wir fahren durch Ostberlin. Fast 20 Jahre sind vergangen, seit ich abgehauen bin. Elend, verfallen, trostlos, quietschende Straßenbahnen. Ich schaue mir die Menschen an. Die meisten richten ihre Blicke zu Boden. Eilen kontaktlos durch die Straßen. Spiegelt sich die Stadt in den Gesichtern? Sicher bilde ich mir das nur ein! Was wird meine Mutter sagen? Sie hat keine Ahnung, dass ich komme. Wie wird sie aussehen? Hat der Krebs sie entstellt? Wird sie mich in den Arm nehmen? Wird sie mich davonjagen? Damals musste ich Schutz suchen bei anderen, bei den Verwandten. Sie haben mich aufgenommen. Zu fünft wohnten sie in einer winzigen Wohnung. Dennoch durfte ich bei ihnen bleiben, bis ich nach Westdeutschland ausgeflogen wurde. Diese Enge, dieses aufreizende Kind. Es war selbst schuld. Ich konnte nicht anders. Es ist ja lange her. Ein anderes Leben.
Das alte Krankenhaus, es riecht nach Bohnerwachs und Kohlsuppe. Und dieser spezielle Geruch ist wieder da, den ich nie vergessen werde. Wir alle nicht. Ich habe Angst. Eine alte Frau kommt mir entgegen gelaufen. Sie schreit meinen Namen. Laut über den ganzen Flur. Nichts als meinen Namen. Wir liegen uns in den Armen. Meine Mutter hat mich in den Arm genommen.

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