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Die Buchstabenstickerei
Jedes Mal, wenn ich an seinem appetitlichen, kleinen Gemüseladen in meiner Straße vorbeiflanierte und gerade keine Kunden zu bedienen waren, erschien Ozan Özgüll im Türrahmen seiner blau lackierten Eingangstür und winkte mir überschwänglich zu.
Er war ein kleiner, untersetzter Mann mittleren Alters, die Ärmel seines grün-rot karierten Flanellhemdes bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt, die leuchtend blaue wadenlange Baumwollschürze unter seinem Bäuchlein mit zwei schmalen Bändern zu einer losen Schleife verknotet, unter der, bis auf die grünen Gärtnerpantoffel fallend, die Säume seiner dunkelbbraunen, ausgebeulten Kordhose zu sehen waren.
Ozan Özgüll strahlte über sein ganzes rundes, stoppeliges Gesicht, das ein breiter, schwarzer, bürstenartiger Schnauzbart in zwei Hälften teilte, als ich in seine Richtung blickte.
Man konnte sagen, dass ich zu seinen Stammkunden zählte. Sein Sortiment, das größtenteils täglich frisch, jedoch außerdem auch aus selbst eingelegter Ware bestand, war einfach unnachahmlich, und es fiel mir schwer, vorbeizugehen, ohne wenigstens eine Kleinigkeit dieser kulinarischen Köstlichkeiten für mich zu erwerben. So auch dieses Mal.
Wie es schon roch im Inneren seines Reiches, das ließ einem unmittelbar das Wasser im Munde zusammenlaufen! Da lagen, fein aufgeschichtet, frische Strauchtomaten, bunte Paprika und rote Chilischoten, dunkelgrüne, pickelige Avocados und hartblättrige Artischocken, grüne, kleine Okraschoten, die winzigen Zucchini ähnelten, und gelbe, pralle Zitronen, violettblaue duftende Trauben neben in Öl eingelegten schwarzen und grünen Oliven, sauren Weinblättern und Auberginen, verschiedenen Fetakäsen und würzigem, frisch gebackenem Fladenbrot.
Seiner einladenden Handbewegung in sein Heiligtum konnte man einfach nicht widerstehen, und ich betrat den Laden, um mir wenigstens einen seiner köstlichen Moccas servieren zu lassen und ein kleines Pläuschchen mit ihm zu halten. Dabei erwarb ich noch etwas Fetakäse, ein paar schwarze Oliven, fünf Strauchtomaten und ein Fladenbrot.
An der Tür drehte ich mich noch mal um und nickte ihm zum Abschied zu.
Wieder auf der Straße vor dem Laden fiel mir plötzlich auf, dass von seinen nachts giftgrün leuchtenden Neonbuchstaben über der Türe, die die Worte
„ Ozan's Gemüsekorb“ formten, drei Buchstaben fehlten, so dass es jetzt hieß: „O an’s Ge üse orb“.
Verwirrt blickte ich auf den Asphalt, wo diese drei fehlenden Buchstaben vor meinen Füßen auf dem Boden lagen. Das Z, das M und das K. Ich bückte mich und hob die drei milchig grünen Glaskörper auf, die in meinen Händen jeweils die Größe einer Wiesn'n-Brezel aufwiesen und wie durch ein Wunder heil geblieben waren.
Meinen Einkaufskorb in der einen Hand, die drei Buchstaben in der anderen, wollte ich gerade nochmals den Laden betreten, um Ozan die fehlenden Buchstaben zu überreichen, als er bereits in der Tür erschien. Wenig überrascht nahm er die Lettern entgegen, bedankte sich und verschwand wieder im Eingang.
Ich machte gerade wieder ein paar Schritte auf die Straße, als ich sah, wie Özgüll auf eine lange Leiter stieg, dem über der Tür prangenden Schriftzug entgegen. In seiner hinteren Gesäßtasche steckten die Buchstaben. Ich blieb stehen und sah ihm zu. In seiner Rechten hantierte er mit einer überdimensionalen Nadel und einem Spaghettidicken giftgrünen Faden, in den er am unteren Ende, vorher den linken Zeigefinger mit Spucke befeuchtend, einen Knoten machte. Dann stach er beherzt in die Hauswand und machte ein paar Stiche, bevor er einen Buchstaben nach dem anderen aus seiner linken Gesäßtasche zog und ihn mit akkuraten Kreuzstichen an der Mauer befestigte. Das ganze dauerte keine zehn Minuten.
Er drehte sich zu mir um und grinste. Die Neonreklame erleuchtete wieder in altem Glanz.
Unmittelbar darauf setzte Musik ein. Es war halb sieben, und mein Radiowecker kündigte einen neuen Tag an.



