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Nächte ohne Irmi
Marie hatte Irmi, ihre kleine Hexenpuppe, unten auf das erste Regalbrett gesetzt. Ihre Tante Traudel hatte es ihr befohlen, und Marie war folgsam gewesen, denn sie wollte ihre Tante nicht verärgern. Das hatte sie ihrem Vater kurz vor seiner Abreise noch einmal hoch und heilig versprechen müssen. Dabei hätte sie Irmi an diesem Abend lieber mit zu sich ins Bett genommen, doch das mochte ihre Tante ja nicht. Ihre Tante war der Meinung, dass Spielzeug nicht ins Bett gehörte, sondern stets vor dem Zubettgehen ordentlich zurück auf seinen Platz gestellt werden müsste, und Irmi war nun einmal in Tante Traudels Augen ein Spielzeug, in Maries Augen natürlich nicht. Für Marie war Irmi eine Freundin, und seit es sie gab - und das war schon so unendlich lange her, dass Marie sich gar nicht mehr daran erinnern konnte, wann Irmi eigentlich zu ihr kam - hatten sie beide das Bett geteilt.
Nachdem Maries Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, hatte Tante Traudel das Regiment im Haushalt und in der Erziehung übernommen. Sie war die ältere Schwester von Maries Vater, kinderlos, verwitwet und mit festen Grundsätzen ausgestattet.
Den ganzen Tag über war Marie mit Tante Traudel bereits allein gewesen, und nun lag sie im Bett, ohne Irmi und ohne ihren Vater. Er war oft auf irgendeiner Dienstreise, und aus diesem Grunde waren er und Marie auf die Hilfe von Tante Traudel angewiesen, und deshalb durfte Marie ihre Tante auch nicht verärgern, egal, was Tante Traudel sagte und machte.
Und nun saß Irmi, Maries Lieblingspuppe, Freundin, Vertraute und Trösterin in der Not, zwischen all den anderen Puppen, Teddys und Stofftieren auf dem Regal, das neben Maries Bett beinahe die Hälfte der Zimmerwand einnahm. Marie konnte ihre kleine schwarze Gestalt deutlich im hereinfallenden Licht der Straßenlaterne erkennen. Ein tiefer Schluchzer drang aus Maries Brust, dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Sie dachte an den weichen, anschmiegsamen Puppenkörper aus Stoff und Watte. An diesem Abend hätte sie Irmis Trost wieder einmal ganz besonders nötig gehabt, denn der Kater Moritz von ihrer alten Nachbarin, Frau Ohlstedt, war am Nachmittag, gleich vor der Haustür, überfahren worden.
Marie schniefte laut und rieb sich ihre roten verquollenen Augen. Sie taten weh, genauso wie alles in ihrem Inneren. Frau Ohlstedt hatte furchtbar geweint, als sie den armen blutenden Moritz in ihre Wohnung trug. Marie hatte ihr Schluchzen selbst noch durch die geschlossene Wohnungstür gehört.
Seitdem Marie das tränenüberströmte Gesicht der alten Frau Ohlstedt und den schlaffen Körper des armen Moritz gesehen hatte, hatte es in ihr zu brodeln angefangen, zuerst war der Schmerz noch ganz sacht gewesen, aber dann war er unaufhörlich gewachsen, und nun schien er in ihrem Inneren wie ein Ungeheuer zu wüten.
Marie warf sich auf den Bauch, vergrub ihr Gesicht in das Kopfkissen, von dem noch immer ein Hauch von Irmis leichtem Staubgeruch aufzusteigen schien, und ein leichtes Zucken erschütterte ihren Körper. Tiefe Schluchzer bahnten sich ihren Weg aus ihrer Brust und verloren sich in der Stille des Raumes.



