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Der Rosengarten
Ich habe einen wunderschönen Rosengarten vor meinem Haus. Ich gehe oft raus und beobachte die Natur in all ihrer Schönheit. Die Vögel, die zwitschernd in den Baumwipfeln der alten knorrigen Eichen sitzen oder der Wind, der die langen Grashalme zum tanzen bringt. Nachts hört man das Heulen der Wölfe im nahen Wald. Er ist dicht und dunkel, aber ich war noch nie dort. Ich habe ein wenig Angst vor ihm. Und irgendwie habe ich das Gefühl, selbst wenn ich es wollte, ich könnte ihn gar nicht besuchen.
Aber manchmal möchte ich schon. Wenn ich wieder diese Sehnsucht nach der Freiheit habe. Dann geh ich wieder raus, schaue zu den fernen Hügeln hinter meinem schönen kleinen Häuschen, zu den Wiesen und Feldern rechts von ihm, oder eben zu dem dunklen, aber dennoch schönen Wald zu seiner Linken.
Was wohl hinter all dem liegen mag?
Eigentlich will ich es gar nicht wissen. Es geht mich auch nichts an. Ich lebe hier sehr gut. Der kleine Brunnen versorgt mich mit wunderbar klarem und frischem Wasser, und ich habe herrliche Früchte von den Obstbäumen und Sträuchern direkt neben meinem kleinen, friedlichen Rosengarten.
Ach, mein Rosengarten. Er schenkt mir so viel Freude.
Das Wetter hier ist auch immer so wunderschön. Nie Regen. Immer Sonnenschein, immer. Es ist so still und friedlich hier, fast wie in einem Traum. Meinen Rosen gefallt das natürlich auch. Sie sind so rot und duften einfach herrlich. Ihre Dornen sind ganz klein und tun fast gar nicht weh, wenn man sie vorsichtig genug berührt. Meine Rosen beruhigen mich. Sie strahlen etwas friedliches aus. Ich brauche das, besonders wenn ich wieder von dieser Panik befallen werde. Ich fühle mich dann plötzlich angestarrt, beobachtet.
Ich bekomme dann kaum noch Luft. Leute reden über mich, sehen mich. Jemand kann mich sehen, obwohl ich niemanden sehen kam. Aber das kann gar nicht sein, ich bin alleine hier, völlig alleine. Dann gehe ich wieder zu meinem Rosengarten und versuche durchzuatmen und mich zu entspannen.
Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalten kann.
Ich fühle mich eingesperrt in meinem eigenen Haus. Eingesperrt und beobachtet. Das ist das Schlimmste für mich. Aber ich komme hier nicht weg, ich kann nicht fliehen. Ich war schon immer allein in diesem Haus, seit ich denken kann. Es gibt keinen Weg hinaus. Außer durch den Wald, und da kann ich nicht durch. Ich kann es einfach nicht. Ich werde hier bleiben müssen, bis zum Ende. Bis ich verblasse, oder bis jemand kommt und mich hier herausholt.
Aber das wird nie passieren, das weiß ich. Aber dennoch, die Hoffnung, diese starke Hoffnung, dass alles nur ein böser Traum war und ich endlich aus ihm erwachen kann, diese Hoffnung hält mich am Leben.
„ Das ist wirklich ein schönes Bild, Mama! Darf ich es haben, wenn ich älter bin, ja?“
Die Muter lächelte ihr Kind an.
„ Ja, mein Schatz! Wenn du groß bist und dein eigenes Haus und deine eigene Familie hast, dann darfst du es haben. Du musst es an einen besonders schönen Ort hängen, denn das Gemälde ist sehr wertvoll, weißt du? Es befindet sich schon seit vielen Generationen in unserem Familienbesitz! Es gehörte einst meiner Mutter, und deren Mutter und immer so weiter.“
Das Mädchen sah sich das Gemälde aufmerksam an. Es war sehr groß und hatte einen aufwändig geschnitzten, in dunkelbrauner, fast schwarzer Farbe gestrichenen Holzrahmen. Auf dem Gemälde war eine schöne Landschaft zu bewundern, ein dunkler großer Wald auf der einen Seite, und Felder auf der anderen. In der Mitte befand sich ein kleines Bauernhaus, das aber sehr hübsch aussah. Dahinter zeichneten sich sanfte Hügel ab. Weiter vorne sah man einige Rosen, die voll erblüht waren und von einem niedrigen schwarzen Zäunchen beschützt wurden. Vor dem Garten kniete eine junge Frau, eine der Rosen in ihren zarten Händen haltend, den Kopf gesenkt und mit einem traurigen Ausdruck auf dem blassen, aber sehr hübschen Gesicht.
Dem Mädchen schoss der Gedanke durch den Kopf, dass sich die junge Frau beim letzten Mal, als sie das Bild betrachtet hatte, an einer anderen Stelle befunden hatte, wie merkwürdig. Sie runzelte die Stirn, dann wandte sie sich wieder an ihre Mutter. „Mama ... wie heißt das Bild?“
Die Mutter sah zu ihrer Tochter herab, legte ihr den Arm um die Schulter und lächelte sanft.
„ Der Rosengarten.“



