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Die Heimkehr

Es war ein langer Tag gewesen. Als er von der Arbeit nach Hause fuhr, war es bereits dunkel. Am Himmel leuchteten die Sterne. Die Silhouetten der Bäume glitten im Scheinwerferlicht vorbei. Ein Käuzchen begann, von ihm unbemerkt, seine nächtliche Jagd auf den Feldern neben der Straße.
Er fuhr ganz entspannt. Im Autoradio hatte eine Sendung begonnen, die einsame Menschen zueinander finden lassen wollte. Er hörte kaum zu, was der Moderator erzählte, es war wie ein Klangteppich, der ihm die Einsamkeit ein wenig behaglicher machte. So ließ er seine Blicke ein wenig umherschweifen. Plötzlich schien es ihm, als zwinkere ihm ein Stern zu. Er schüttelte ungläubig den Kopf. Sterne zwinkern nicht, sagte er zu sich. Und doch, als er wieder zu dem Stern hochschaute, zwinkerte der ihm noch einmal zu.
Er arbeitete oft lange. Zu Hause wartete niemand auf ihn. Kam er Spätnachmittags von der Arbeit, ging er noch in die Kneipe um die Ecke. So hatte er wenigstens das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Wenn er sich die nötige Bettschwere angetrunken hatte, ging er die paar Schritte zurück zu seiner Wohnung, öffnete mit seinem Schlüssel die Tür, und schloss die Tür wieder hinter sich. Er ging ins Bad, zog seine Sachen aus und legte sie pedantisch über den Hocker. Er duschte lange und wusch sich dabei sorgfältig. Er zog den Schlafanzug an und putzte noch die Zähne.
Anschließend ging er in die Küche. Er füllte das Kaffeepulver in den Filter, goss Wasser in den Vorratsbehälter und programmierte die Kaffeemaschine. Wenn er morgens aufstand, war der Kaffee bereits fertig.

Er hatte ein Verhältnis mit einer älteren Frau. Ab und zu besuchte er sie. Sie gingen gemeinsam essen und dann miteinander ins Bett. Da sie in der gleichen Firma und sogar in der gleichen Abteilung arbeiteten, gab es zwischen ihnen nicht viel zu bereden. Nicht einmal die Kollegen in der Firma wussten etwas von ihrer Verbindung.

Keiner von beiden hatte sich jemals für die Vergangenheit des anderen interessiert. Sie lebten lediglich für den Tag und den Augenblick, da ihnen nicht an Veränderungen gelegen waren. So lebte jeder vor sich hin, im Alltagstrott gefangen.

In seiner Brieftasche trug er eine leicht angegilbte Schwarzweißfotografie seiner Mutter. Sie stand kokettierend mit einem Sonnenschirm vor einem weiß gestrichenen Gartentor. Sie war jung und unbeschwert, lachte fröhlich in die Kamera. Kurze Zeit später lernte sie den Mann kennen, welchen sie heiratete und der sein Vater wurde. Als er zur Welt kam, war sie hochbeglückt: ein Junge! Er konnte lange eine unbeschwerte Kindheit genießen. Seine Mutter kümmerte sich fürsorglich um ihn. Sie las ihm viele Geschichten und Märchen vor, als er klein war. Später half sie ihm bei den Hausaufgaben und gab ihm belegte Brote in die Schule mit. Sie tröstete ihn, als er seinen ersten Liebeskummer hatte.
Endlich wurde er achtzehn. Jetzt durfte er das schwere Motorrad fahren, das seit einem halben Jahr blankgeputzt auf ihn wartete. Voller Freude lud er seine Mutter zu einer Spritztour ein. Dann ging alles ganz schnell. Er wurde von einem entgegenkommenden Auto geblendet, wollte bremsen und rutschte auf einer Ölspur aus. Ihm selbst passierte fast nichts, ein paar blaue Flecke, einige Hautabschürfungen. Während des Sturzes hatte er sich so fest an den Lenker geklammert, dass er diesen dadurch verbog. Er hatte noch nicht einmal geahnt, dass so viel Kraft in ihm steckte.

Seine Mutter war tot. Sie war gegen einen Baum geschleudert worden und hatte so schwere innere Verletzungen erlitten, dass sie kurz nach dem Unfall starb, ohne noch einmal zu Bewusstsein zu kommen. Er saß völlig fassungslos am Straßenrand, während die Polizei die Unfallsteile sicherte. Ein Polizist sah ihn und sprach ihn an. Er reagierte nicht. In seinem Kopf klangen nur die Worte und Warnungen seiner Mutter, als er sich das Motorrad gekauft hatte.
Während der Beerdigung kam ihm langsam zu Bewusstsein, dass er von nun an ohne seine Mutter sein würde. Diese Idee war für ihn so furchterregend, dass er sie schnell wieder verdrängte und stattdessen versuchte, sich einfach nur noch auf das Nächste zu konzentrieren. So begann er, Tag für Tag vor sich hinzuleben.

Nach seinem Schulabschluss begann er, Informatik zu studieren. Die klaren Anweisungen, nach denen er den Computer programmieren lernte, ließen keinen Raum für Zweideutigkeiten. Er lernte schnell und gut. Er bestand sein Examen summa cum laude und bekam eine sehr gute Stelle.
Er hatte immer wieder Beziehungen zu Frauen, die nicht lange dauerten. Und er achtete sehr darauf, dass sie folgenlos blieben. Er konnte sich nicht vorstellen, sein Leben dauerhaft mit einem anderen Menschen zu teilen. So lebte er vor sich hin und ließ sich durch nichts aus der Bahn werfen.
Bis zu jenem Abend, als der Stern ihm zuzwinkerte. Es schien ihm, als würde ihm der Stern eine Nachricht senden. Er dachte kurz daran, dass es bei dem Unfall damals auch schon so dunkel gewesen war. Als er ein letztes Mal aufsah, ob der Stern ihm wieder zuzwinkerte, sah er den Lastwagen nicht, auf den er frontal zufuhr.

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