Prämierte Kurzgeschichten 2. Halbjahr 2004
Elisabeth Fehringer: „In den Morgenstunden des Heiligen Abend“
Dies ist ein berührender und leiser Text, der sich mit den großen Themen des Menschseins behutsam beschäftigt. Es geht um Liebe, Verbundenheit und Loyalität, die Mühsal des Alterns und das Sterben. Die Stärke der Autorin zeigt sich in ihrer klaren und gleichzeitig lyrischen Sprache, die eine bestechende Beschreibung hervorbringt. Pathosfrei verbindet sie ihre eindringliche Schilderung mit den Symbolen Winter – Alter und Liebe – Heiliger Abend.Anette Judersleben: „Das Ritual“
Hier dürfen wir uns an einer schon wirklich ausgereiften kleinen Komödie begeistern: die Autorin führt elegant und geschickt sowohl ihre Hauptfigur als auch den Leser an der Nase herum und spielt mit Erwartungen, die überraschend nicht erfüllt werden. Ein herrlich komischer Text, der ganz klar und kompakt daherkommt.Nicolas Frank: „Evolution am Ende“
Frank konfrontiert den Leser in kafkaesker Tradition mit den Urängsten vor Dunkelheit und Wahnsinn, indem er Realität und Visionen miteinander verschmilzt. Dabei gelingt es ihm, das Innen und Außen der Hauptfigur so eindringlich über atemlose Beschreibungen und staccatohaltigem inneren Monolog zu zeichnen, dass man sich mit der zunehmenden Verrücktheit Karls komplett identifizieren kann.Gabi von Bose: „Spiele“
Die Autorin lässt uns einen erschütternden Blick in die Seele eines Kindes werfen, das durch lieblose Vernachlässigung nicht nur verlernt hat, altersgemäß zu spielen, sondern auch der virtuellen Irrealität mehr Raum geben kann als dem wirklichen Leben. Ein hoch aktuelles Thema, das von Bose mit klarem und nüchternem Stil kreativ literarisch verarbeitet.Kerstin Bürgermeister: „Tatendrang“
Ein Mann bringt eine Frau um, sein Entschluss steht unerschütterlich fest: die Autorin widmet sich einem traditionellen Sujet. Das Neue und Überraschende in diesem Psychodrama ist die Verbindung von äußerer großstädtischer und innerer leerer Anonymität, denn wir erfahren weder Namen noch Ort, auch sind die Figuren nicht vorstellbar beschrieben und das Motiv des Mörders bleibt recht unklar. Gerade deswegen aber lebt diese Arbeit ausschließlich über den Spannungsbogen und das unvermeidliche Ende.Elfriede Loos: „Fremd-gehen“
Die heimliche Affäre – ein Thema, das wir in letzter Zeit eher in flachen Komödien verarbeitet sehen. Nicht so wirkt dieser Text, der über die Protagonistin alle Fragen nach Moral, Schuld, Lust und die Unfähigkeit, aufzuhören und dem eigenen Leben wieder mehr Sinn zu geben, aufwirft und den Leser nachdenklich zurücklässt.Doris Bussmann: „Brombeeren“
Eine alltägliche traurige Situation beschreibt Bussmann: die Hauptfigur leidet unter ihrer Lebenssituation und überträgt ihr Unvermögen, sich zu entschließen, in wütenden Aktionismus. Mit den Techniken der geschickt eingesetzten Wiederholung, dem plastischen inneren Monolog und dem lebendigen Stil macht die Autorin Carinas Wesen in dieser Tragikomödie ganz und gar plastisch.Heidrun Siebenhofer: „Der Feuerlauf“
Nora ist herrlich normal und hat einen ganz normalen Wunsch. Siebenhofer gelingt es mit überaus charakterisierenden Dialogen und treffenden Schilderungen, den Leser von Noras naivem Antrieb und ihrer Unfähigkeit, zu große Erwartungen auf ein erfüllbares Maß zu reduzieren, zu überzeugen und lässt ihn mit einem zufriedenen Grinsen zurück.




