Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Das Ritual
Sie saß auf der linken Seite, als er einstieg. Eine auffällige, selbstbewusste Frau, die ihn interessiert musterte. Er wusste sofort, was diese Blicke bedeuteten. Es war die Gelegenheit, den Abend nicht alleine verbringen zu müssen. Obwohl die Straßenbahn fast leer war, setzte er sich der Fremden gegenüber und nickte ihr mit seinem charmantesten Lächeln zu. Blaue Augen sahen ihn durchdringend an, während sie ihren Mund zur Begrüßung leicht öffnete und verheißungsvoll zurücklächelte. Ihre vollen Lippen glänzten, als sie langsam mit der Zungenspitze darüber fuhr. Ihm wurde plötzlich warm. Unauffällig lockerte er seine Krawatte. Seine schlanken Finger verharrten, als er ihr leises, raues Lachen hörte. Ihre Blicke glitten ungeniert über seinen teuren Anzug und blieben an seinem Gesicht hängen. „Es ist heiß heute, nicht wahr ?“, fragte sie spöttisch mit hochgezogenen Augenbrauen. Er nickte kurz, während er verzweifelt nach einer Antwort suchte. Sie strich sich mit einer aufreizend trägen Bewegung die blonden Haare aus der Stirn. „Woher kommen Sie ?“, fragte er fasziniert mit einem tiefen Blick in ihre Augen. „Von der Frankfurter Buchmesse“. „Was haben Sie dort gemacht ?“ Er betrachtete ihr perfekt gestyltes Outfit. Sein neugieriger Blick schien sie nicht zu stören. Gelassen strich sie den perfekt anliegenden Hosenanzug aus blauem Wildleder glatt und antwortete: „Ich leite einen Verlag für erotische Literatur. Die Messe ist sehr wichtig für uns, deshalb fahre ich immer selbst dahin. Ich liebe es, mit Menschen über Erotik ins Gespräch zu kommen, Sie auch ?“ Schweißtropfen liefen seinen Rücken herunter. Diese Frau machte ihn wahnsinnig. Er antwortete mit heiserer Stimme: „Es gibt kein schöneres Thema für mich“. Sie sahen sich an und die Luft schien zu vibrieren. Ihre Hand glitt langsam den Ärmel ihres Oberteiles hinauf und sie öffnete verführerisch lächelnd die obersten Knöpfe. Dann glitt ihr Blick scheinbar unbeteiligt aus dem Fenster. Vergnügt lächelnd lehnte er sich zurück. Endlich wieder einmal ein Abenteuer. Er wusste, dass sie es auch wollte. Worte waren überflüssig. Zwei Menschen ohne Namen, eine leidenschaftliche Nacht und danach das Ende. Er hatte das schon öfter erlebt, doch noch nie eine Frau getroffen, die so deutlich zeigte, was sie wollte. Der Zug fuhr an mehreren Stationen vorbei, während sie schwiegen. Ab und zu wechselten sie einen Blick. Er sah ihr gern zu, wenn sie in regelmäßigen Abständen ihr Haar nach hinten strich. Ihre Lippen waren leicht geöffnet. „Wohin fahren Sie ?“, fragte sie mit sehnsüchtiger Stimme. „Nach Hause, an der nächsten Station muss ich aussteigen.“ Seine Augen glitten über ihren Körper. „So ein Zufall, dass ist auch meine Station“, antwortete sie und lachte mit zurückgeworfenem Kopf laut auf. Seine Spannung löste sich ebenfalls und er lachte aus vollem Hals mit. Als der Zug hielt, stiegen sie gemeinsam aus und sie folgte ihm. Plötzlich tauchten zwei kleine, blonde Jungen auf und fielen ihr mit lautem Indianergeheul um den Hals. Ein kräftiger, dunkelhaariger Mann in lässigem Jeanslook folgte ihnen grinsend, nahm sie fest in den Arm und küsste sie stürmisch. Ohne sich umzusehen, ging sie mit ihrer Familie davon. Er starrte ihr fassungslos hinterher. An der Ecke blickte sie kurz zurück und lachte schelmisch. Dann war sie weg. Der Bahnsteig leerte sich, während er wie erstarrt stehen blieb. Ihm war plötzlich kalt.
Sie hatte ihren Arm fest um ihren Mann geschlungen. Die Kinder tobten um sie herum. Ihr familienfreier Tag war wieder einmal vorbei. Er hatte ihr, wie immer, großen Spaß gemacht. Und ihr kleines Abschlussritual war ihr heute besonders gut gelungen.



