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Fremd-gehen

Er hat doch angerufen. Der Trauerberg in ihr beginnt zu schmelzen und verteilt sich in alle Winkel ihrer Seele. Der Schmerz wird erträglich. Es ist noch nicht zu Ende.

Eigentlich ist sie an diesem Abend mit ihrer Freundin verabredet: Kino, Wein beim Franzosen, die halbe Nacht durchquatschen, einschlafen auf dem Gästesofa und mit einem Frühstück im Bett den neuen Tag beginnen. Danach ist sie immer ein anderer Mensch, das merkt auch ihre Familie. Um diese Auszeit muss sie nicht mehr kämpfen.

Jetzt noch schnell ein paar Besorgungen machen, ihre Lieben sollen ja nicht hungern. Da trifft sie ihn, zufällig. Und zufällig hat er Zeit, den ganzen Abend. Seine Frau ist bei ihrer Mutter und kommt erst spät zurück. Das Handballtraining will er absagen.

Sie überlegt keinen Augenblick. Das mit ihrer Freundin lässt sich regeln und bei ihrer Familie hat sie sich ohnehin abgemeldet. „Ich rufe dich in der nächsten Stunde an und sage dir, wo wir uns treffen“, verspricht er und geht.

In ihr beginnt es zu hüpfen. Schnell fährt sie mit dem Einkauf nach Hause. Unter die Dusche will sie noch und, ach ja, sie hat versprochen, ihre Tochter in die Stadt zu bringen. Das dauert nur ein paar Minuten. Als sie zurück kommt, ist das Haus leer. Auch ihr Sohn ist weg. Ihr Mann arbeitet noch, wie immer.

Jetzt müsste er eigentlich anrufen. Sie schaut in den Spiegel. Was er wohl an ihr mag? Ihr Gesicht ist leicht gerötet vor Spannung und Freude, ihre blauen Augen leuchten unter den vom langen Sommer hellgebleichten Haaren. Sie ist nicht schlank. Ihr Körper ist rund und wohlgeformt. „Du bist schön, Mama“, sagen ihre Kinder. „Du könntest etwas abnehmen, sagt ihr Mann.

Doch er fühlt sich wohl bei ihr, das spürt sie. Warum ruft er nicht an? Sie bleibt am Telefon sitzen. Mit jeder Minute, die verstreicht, wird das Hüpfen in ihr weniger, bis es schließlich als Kloß liegen bleibt. Draußen wird es dämmrig. Ein sonniger Herbsttag geht zu Ende. Zwei Stunden sind vergangen. Ihr ist kalt. Sie steht auf und zieht eine Jacke über. Sie muss etwas tun. Jeden Moment kann ihr Mann nach Hause kommen. Gerade ihm will sie jetzt nicht erklären, warum sie noch hier ist. Sie nimmt das Auto und fährt durch die inzwischen leeren Straßen der Vorstadt zur Sporthalle. Langsam dreht sie eine Runde um den Parkplatz und sieht sein Auto stehen. Er ist da. Sie stellt sich mit Blick zum Haupteingang, so, dass sie jeden Moment wegfahren kann und macht den Motor aus.

Sie wartet, doch worauf? Soll sie einfach auf ihn zugehen, wenn er aus der Halle kommt? Aber was dann, wenn er nicht alleine ist? Soll sie hinter ihm herfahren?

Er mag es nicht, wenn sie sich in der Nähe seiner Wohnung begegnen. Und überhaupt: wenn er sie gar nicht sehen will? Er hat ja nicht angerufen.

Kälte kriecht in ihr hoch. Sie zieht ihre Jacke fest um sich. Immer ist sie es, die den Kontakt herstellt, damit ein Treffen zu Stande kommt. Einmal hat sie lachend zu ihm gesagt: „Man merkt, dass diese Termine nicht deine Frau für dich macht“. Oft schon hat sie sich vorgenommen, sich einfach nicht mehr zu melden. Doch sie ahnt, das wäre das Ende ihrer Beziehung, und das kann sie nicht ertragen, noch nicht. Sie genießt das Zusammensein mit ihm so sehr. Wie ein großes Kind vergisst er die Zeit. Er ist ganz bei sich und ganz bei ihr.

Wenn er sie berührt, erlebt sie jeden Zentimeter ihrer Haut als Kostbarkeit.

Ihre Umarmungen sind eine gegenseitige Bescherung ohne Maß und ohne Vergleich. Doch auch dann ist sie es, die sich behutsam von ihm löst und ihn bewusst heiter in seine Welt entlässt. Inzwischen steht der Mond am Himmel, fern und fahl. Es wird zum ersten Mal Frost geben in diesem Jahr. Die Kälte im Auto wird unerträglich. Welchen Sinn hat es, hier zu stehen und zu warten? Aber welchen Sinn hätte es, irgendwo anders zu sein?

Wie gelähmt verharrt sie in diesem Gedanken. Inzwischen ist der Mond hinter den Bäumen verschwunden.

Ihre erstarrten Finger haben Mühe, den Zündschlüssel im Schloss umzudrehen. Das Scheinwerferlicht blendet ihre Augen. Die Scheiben sind von innen beschlagen. Mühsam macht sie sich einen Durchblick frei. Mit mechanischen Bewegungen lenkt sie das Auto nach Hause. Zur gleichen Zeit kommt ihr Sohn zurück. Er ist verwundert sie zu sehen. „Du bist doch nicht weg, Mama? Bevor ich aus dem Haus ging, hat ein Mann angerufen und wollte dich sprechen. Ich habe ihm gesagt, dass du bei deiner Freundin bist und über Nacht dort bleibst“. Einen Augenblick braucht sie, um zu begreifen. Dann steigt es heiß in ihr hoch. Spontan umarmt sie ihren Sohn.

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