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In den Morgenstunden des Heilig Abend

Es war ein wunderbarer Tag. Die Landschaft, soweit man sie mit dem Auge ausmachen konnte, war mit frischem Schnee bedeckt, dessen Kristalle in der angenehmen Nachmittagssonne funkelnd umhertanzten. Die Welt schien so unberührt, nur am Rande eines Nadelwaldes stand ein schon etwas älterer, kleiner Traktor, mit einem hölzernen flachen Anhänger, von dem aus frische Fußabdrücke in das Dickicht führten.

Die Spur verlief ziellos. Hier wich sie vom Wege ab, dort waren die Abstände länger, oder kürzer. An einer Stelle waren sie verwischt, als hätte sich die Person, die verantwortlich für das Zerbrechen der Schneedecke war, im Kreise gedreht. An einer anderen Stelle kreuzte sie eine andere Fährte, vermutlich die eines Fuchses, der seinen eigenen Geschäften nachging.

Ein feiner Lufthauch fuhr durch die Bäume und ließ Schneestaub von den Nadeln rieseln. Der Mann, zu dem die Spuren führten, wischte sich mit seiner linken Hand den Schneestaub aus dem Gesicht. In der anderen trug er eine einfache Handsäge. Er sah sich um, als würde er nach etwas suchen. Die vielen Falten, die sich auf seiner Stirn und um die Augen wölbten, wiesen auf ein langes und mühsames Leben hin. Doch die grauen Augen leuchteten, sie stachen aus dem alten, zermürbten Gesicht wie zwei Blitze, die die gesamte Welt in Flammen setzen könnten. Nun, sie taten es nicht, sie hatten gefunden was sie gesucht hatten. Der Mann stapfte ein paar Schritte vorwärts, schob mit seiner Hand einen hindernden Ast beiseite und war zufrieden an seinem Ziel angelangt.

Stahl vermischte sich mit Rinde, Bast und Holz zu einem herzzerreißenden, klagenden Lied. Ein Eichhörnchen, das eben noch durch das Geäst quirlte, verharrte plötzlich regungslos und lauschte verwirrt dem Treiben, daß in ein lautes Knacken und Knarren ausartete. Ein Baum neigte sich trödelnd als hätte er alle Zeit der Welt, dem Waldboden entgegen. Ein bedrohliches Grummeln lief durch den ganzen Stamm, bis er sich endlich mit einem Seufzen löste und die Tanne raschelnd zu Boden sank.

Der Mann betrachtete keuchend sein Werk. Sein Atem ging schwer und er fuhr sich mehrmals durch das Gesicht. Ja, er war nicht mehr der Jüngste, doch noch nie konnte ihn jemand von seinem alljährlichen Tun abhalten, schon gar nicht seine Frau. Ein paar Meter von der gefällten Tanne entfernt sah er einen etwas größeren Baumstumpf, auf ihm würde er sich eine Weile ausruhen, bis er wieder richtig zu Atem kommen würde.

Schnaufend schleppte er sich durch den Schnee und stürzte dabei über etwas. Er war sich nicht sicher, was es war, ob eine Wurzel oder seine eigenen Füße, es zählte auch nicht, das Endergebnis war schließlich nicht davon abhängig.

Feuchte Kälte kroch ihm ins Gebein und er wusste, seine Frau würde wieder einen ihrer Anfälle bekommen, wenn er in nasser Kleidung heimkommen würde. Jaja, seine liebe Frau, sie konnte sich wegen jeder Kleinigkeit maßlos aufregen und doch würde sie sich wieder freuen, wenn sie es auf keinen Fall zeigen würde, wenn er ihr die Tanne nach Hause bringen würde. So wie jedes Jahr. Es war einer dieser kleinen Liebesbeweise, die sie bis ins hohe Alter zusammengeschweißt hatten.

Doch erst galt es, sich wieder aufzuraffen. Er hatte noch einiges an Arbeit vor sich und wenn er noch länger am Waldboden verweilte, würden seine Glieder vor Kälte erstarren. Er stützte sich mit beiden Händen ab und versuchte sich aufzurichten. Seine Knie zitterten und er atmete laut, doch er kam auf die Beine. Einen Moment blieb er stehen und atmete einige Male tief durch, bevor er wieder ein paar Schritte weiter schlurfte. Ihm war ganz seltsam zumute, die Luft schien ihn mit einem Male zu erdrücken und ihm war, als wäre es noch etwas kälter geworden. Ein Schleier legte sich über seine Augen, die nun nicht mehr glänzten und die Welt um ihn herum verblasste.

Ein paar Stunden später, es war bereits stockdunkel, tänzelten einige Schneeflocken zur Erde und bedeckten sein graues Haar und den braunen Mantel mit einem hauchdünnen Kleid aus Kälte. Es würde noch bis in die Morgenstunden dauern, bis sie ihn finden würden, bis in die Morgenstunden des Heiligen Abends. So lange würde er nicht warten.

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