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Tatendrang

Er saß im dunklen Wohnzimmer und wartete.

Er hatte die Vorhänge an der breiten Fensterfront beiseite geschoben. Die Lichter der Großstadt überzogen den üppig bunten Perserteppich mit zusätzlichen Mustern. Durch die geöffnete Balkontür drang der monotone Summton, zu dem sich die Millionen und Abermillionen Geräusche in sämtlichen Metropolen nachts bündeln. Ab und an durchbrach ein kurzfristiger Laut aus nächster Nähe diese Stille wie eine blitzende Lanze, um einen Augenblick später schon in die Geräuschmasse eingeschmolzen zu werden.

Das schleichende scht, scht der vorbeifahrenden Autos zog sich beschwichtigend die Straße entlang.

Er wartete, und er spürte, wie die Wut wieder von ihm Besitz ergriff wie ein schäumendes Raubtier. Gleichzeitig jedoch wuchs seine Spannung: Denn heute – heute noch würde er alles ändern.

Er hatte keine Lust mehr, im Bett zu liegen, und die Minuten zu zählen, die sich zu Stunden verklebten, in denen sein Zorn schwoll, bis er fast platzte. Aber dann, wenn sie kam und sich über ihn beugte, blies sie mit ihrem ersten Atemhauch, den er auf seiner Haut spürte, alles einfach weg – Schon beim Gedanken daran überfiel ihn ein seltsames Gefühl von Schwäche und drohte, ihn handlungsunfähig zu machen.

Er schüttelte sich. Nein, heute wartete er zum ersten Mal nicht, er lauerte. Er horchte in die Nacht, versuchte nahe und besondere Geräusche zu filtern, um ihr zuvorzukommen. Nicht sie durfte ihn durch ihre plötzliche Ankunft überwältigen, nein, er würde stattdessen ihr entgegentreten. Er spürte die Feuchtigkeit seiner Hände durch den Hosenstoff. Wenn es nicht gelänge, wie er es sich vorstellte, was dann? Da – er spannte sich wie ein Raubtier, das die untrügliche Witterung eines Beutetiers aufgenommen hat – ein helles Frauenlachen hallte an den Hauswänden entlang, verebbte, eine Männerstimme verschwamm murmelnd daneben. Vorbei. Er holte tief Luft, sein Herz pochte, als gälte es sein Leben. Nein, noch nicht – das war sie nicht. Wieder schob sich ein scht die Straße entlang und blieb. Türenschlagen, ein kurzes Tuckern, dann wieder dieses gewohnte scht, scht, bevor es vom nächtlichen Großstadtgeräusch erfasst wurde und darin unterging.

Die Haustür schlug. Das war sein Signal. Er stand auf. Er zitterte, als er die Wohnungstür öffnete. Das grelle Licht des Treppenhauses flutete ihm entgegen. Er hörte Schritte, ihre Schritte, auch wenn sie anders klangen als sonst, schwerfälliger, unsicher.

Er spähte übers Geländer. Ja, sie war es, sie wankte von einer Stufe zur andern, tastete sich vorwärts, ihre Glieder schienen ihr nicht zu gehorchen. Sie bewegte sich wie eine schlecht geführte Marionette. Und plötzlich erkannte er, was das bedeutete: Sie war betrunken, sie war sternhagelvoll.

Er lächelte. Manchmal ist das Schicksal einem doch hold, dachte er. Er sprang – mehrere Stufen auf einmal nehmend – zu ihr. Ihre sonst so klaren Augen blickten ihn glasig an, aber dankbar. Sie ließ sich ihm entgegen fallen. Er hielt sie gerade noch. Nur jetzt kein Treppensturz! Wer wusste was dabei herauskam?

Er hob sie auf seine Arme. So hatte er sie unzählige Male getragen, abends, bevor er mit ihr schlief. Auch bei diesem Gedanken musste er unwillkürlich lächeln. Jetzt hing sie schlaff in seinen Armen, ihr blasses Gesicht wirkte, angestrahlt vom Neonlicht, nahezu zerbrechlich. Sie stöhnte. Er überlegte, ob er sie nicht doch besser ins Krankenhaus fahren sollte.

Dann stand er mit ihr in der dunklen Wohnung. Er vernahm wieder die Geräuschkulisse, die ihn während seiner Wartezeit umgeben hatte. Nein, er wollte diese Rolle nicht mehr weiterspielen. Dieses Theater würde er nicht mehr mitmachen.

Er blickte auf ihre leblos wirkende Gestalt. Ja, er hatte sie in der Hand. Er trug sie weiter, ins Wohnzimmer hinein, über den dicken, gemusterten Teppich, in den ihrer beider Gesichter verwoben war, weil sie sich so oft auf ihm geliebt hatten. Er ging mit ihr drüber weg, seine Schritte waren schwer, weil sie schwerer und schwerer in seinen Armen wog. Nur kurz hinterließ er Spuren, bevor der Teppich sie wieder verschwinden ließ, sie zudeckte mit seinen unzähligen Fadenreihen, wie alles andere Geschehen auch.

Er trug sie durch die geöffnete Balkontür nach draußen, wo die Nacht rauschte. Er hielt sie eng an sich gedrückt. Er weinte. Beide bebten gleichermaßen. Er war Herr geworden über ihre Bewegungen und über sie.

Er hatte sie aufs Geländer gesetzt. Ohne sie noch einmal anzusehen, gab er ihr einen leichten Stoß. Weg war sie – wie eine Fata Morgana, wie ein Seifenblasentraum – wie nie da gewesen.

Er hörte sie dumpf aufschlagen. „ Ich kann nicht mit dir leben, dann besser ohne dich“, dachte er und schloss die Balkontür. Er ließ sich auf den Teppich fallen und begann, die Fasern auszureißen, bis alles vor seinen Augen verschwamm.

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