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Evolution am Ende
Vor dem Fenster des heruntergekommenen Arbeitszimmers bewegte sich etwas Dunkles. Karl zog den Kopf hinter die muffige Couch zurück. Sein Zeigefinger suchte den Abzug des Gewehres, das er panisch aus dem Wandschrank gerissen hatte. Er schauderte. Draußen vor dem Haus hatte sich dasselbe ereignet wie schon Monate zuvor. Damals hatte er abends am Schreibtisch gesessen, viel getrunken und voller Gram seine wissenschaftlichen Bücher durchgeblättert; Bücher, die er nicht mehr brauchte, seit ihm vor einem Jahr fristlos gekündigt worden war. Im monatelangen Frust getränkt von unzähligen durchzechten Tagen und Nächten, war er zu der Überzeugung gekommen, dass sich die Entwicklung der Menschheit in eine Richtung bewegte, die vom Menschen selbst nicht mehr zu ertragen war. Die Evolution, seine damalige Paradedisziplin, hatte Menschen hervorgebracht, die ihm rücksichtslos gekündigt und damit ins soziale Abseits gedrängt hatten. Mit vernebelten Sinnen hatte er am Höhepunkt seiner Verbitterung zittrig eine kurze Bemerkung auf eine herausgerissene Buchseite gekritzelt: „Evolution am Ende !“.
Als er zum Fenster hochgeblickt hatte, war er vor Angst erstarrt. Vor der Scheibe war eine dunkle Gestalt erschienen. Ein rabenschwarzer, menschenähnlicher Schatten, der in einem plötzlichen Aufblitzen sofort wieder verschwunden war.
Tage und Monate vergingen, die schreckhafte Erinnerung an das Ereignis blieb jedoch. Karl wurde immer unruhiger, sonderte sich öfter von seinen Freunden ab und widmete sich im Suff Nachforschungen über das, was er glaubte gesehen zu haben. Eines Abends hatte es an der Haustüre geschellt. Karl hatte es in seiner Wodkabetäubung erst beim sechsten Klingeln wahrgenommen, sich träge zur Tür geschleppt und misstrauisch durch den Spion gesehen. Draußen hatte sein Freund Johannes gestanden, völlig durchweicht vom anhaltenden Regen, der diesen Herbst besonders nass zu sein schien. „Mach schon auf, Karl“, hatte er gerufen und versuchte das Prasseln des Regens zu übertönen, „ich weiß, dass du da drinnen steckst!“ Widerwillig hatte Karl geöffnet, Johannes grob hereingezogen und die Tür schnell wieder verschlossen.
„Mein Gott, Karl, du siehst ja aus wie ein Alien! Verdammt, hör auf zu saufen und sprich über deine Ängste!“, hatte Johannes entsetzt über Karls verwahrloste Gestalt gerufen. Skrupellos hatte Karl ihn sofort wieder hinausgeworfen und ihm noch verbittert „Alien! Du Schweinehund!“ hinterhergebrüllt.
Trotz aller Zweifel, die er als ehemaliger Wissenschaftler gehabt hatte, war Karl nun fest davon überzeugt, dass ein Außerirdischer auf seinem Grundstück herumlief. Die Gestalt an seinem Fenster war genauso real gewesen wie er selbst. Erneut wagte er es, etwas vorzukriechen und Richtung Fenster zu schauen. Hinter dem Glas war schwarze Leere. Nichts als Dunkelheit. Unsicher wie ein Fremder in einer Welt ohne Licht lauschte er nervös dem dumpfen, trommelnden Regen. Langsam kroch er vorwärts, immer ein Auge auf das schwarze Glas gerichtet und bereit zu feuern. Er sprang auf, den Gewehrlauf voraus, riss das Fenster stürmisch auf und schrie in die Dunkelheit: „Komm her, verfluchter Alien.“ Stille. Die Nacht war kühl und jagte Wind und Regen ins Zimmer. Er war betrunken. Karl schwankte. Wütend, weil keine Antwort kam, knallte er das Fenster wieder zu, rannte zur Haustür und stürmte ins Freie. Der Regen klatschte ihm eisig ins Gesicht, milderte langsam seine Betäubung. Er lief zur Rückseite des Hauses und verschanzte sich hinter der überlaufenden Regentonne neben dem Arbeitszimmerfenster. Ein fahler Lichtschein, wie aus einer anderen Wirklichkeit, drang aus dem Raum und verlor sich in der Schwärze der Nacht. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Gleichgültigkeit registrierte Karl, dass das Fenster offen stand. Gerade als er näher schleichen wollte, schlug das Fenster jedoch mit einem lauten Knall zu. Karl fuhr zusammen. „War er also schon im Haus!“, durchfuhr es ihn. Wild entschlossen, dem Spuk endlich ein Ende zu machen, stürmte er zum Fenster und blickte in den hell erleuchteten Raum, der kurz zuvor noch sein Arbeitszimmer gewesen war. Von dieser Seite wirkte das Zimmer fremdartig und unwirklich, genauso fremd und surreal wie das Wesen, das an seinem Schreibtisch saß und irgendetwas auf eine herausgerissene Buchseite kritzelte. Plötzlich hob es den Kopf und blickte mit schmerzlich vertrauten Augen direkt in Karls Seele. Von einer plötzlichen Erkenntnis überwältigt, schrie Karl, kniff instinktiv die Augen zusammen, durchstieß das Glas mit dem Gewehrlauf und schoss. Dann war Stille. Der Regen hatte aufgehört. Karl stand starr, tropfend mit erhobenem Gewehr und wagte nicht, sich zu bewegen. Als er die Augen wieder öffnete, war der Raum leer. Keine Spur von der unheimlichen Kreatur. Er fühlte sich klar und nüchtern wie lange nicht mehr. Ruhig trottete er zurück in sein Haus, durch das der frische Herbstwind zog. Er schlurfte müde auf seinen Schreibtisch zu, an dem soeben noch die Gestalt gesessen hatte, vor der er sich jetzt mehr fürchtete als jemals zuvor. Aber er wusste nun auch, dass sie nie wieder auftauchen würde, wenn er es nicht zuließe. Obwohl er sicher war, was er sehen würde, blickte er neben die Biologiebücher auf die herausgerissene Seite, über die mit seiner eigenen zittrigen Handschrift geschrieben stand: „Evolution am Ende!“.



