Prämierte Kurzgeschichten 1. Halbjahr 2005
Hermine Lutz – Vermisst
Hier erkennen wir ein wirklich ausbaufähiges Talent für das Krimischreiben. Die Autorin verbindet scheinbar mühelos die wichtigsten Aspekte des Genres: Tod, Liebe und Psychose. Ganz und gar abgerundet wird das Drama durch spritzige Dialoge und die schön gewählte Erzählperspektive durch eine fast unbeteiligte Beobachterin.Inge Müller-Matthies – Königskerzen
Dies ist eine fast lyrisch anmutende Erzählung, die durch eindringliche und bildreiche Beschreibungen besticht. Der fortlaufende innere Monolog der Ich-Erzählerin schildert sensibel ein Kindheitserlebnis während des Krieges – und überzeugend verarbeitet Müller-Matthies über die Blumen-Metapher den Tod der Mutter.Ulrike Weinhart – Forschergeist
Diese herrlich komische Science-Fiction-Satire nimmt unser kitschig-schönes Picknick-Bild mit glasklarem und pointiertem Stil auf die Schippe. „Forschergeist“ überzeugt uns auch deshalb, weil die Autorin es schafft, den Leser mit unvorhersehbaren und kreativen Wendungen zu überraschen.Margarete Siebel – Angst
Der Text bietet eine schöne Studie einer sich steigernden Panik und lässt dem Leser keine Chance, sich zu entziehen. Unvermittelt muss er sich mit der Eingesperrten identifizieren und erlebt direkt deren inneren Kampf bis zur Selbstberuhigung mit. Die selbstironische Schlusswendung rundet diese Arbeit klar ab.Stephan Butscher – Der Gefangene
Es ist beeindruckend, wie Butscher den Leser hinters Licht führt und mit dessen festgefahrenen Erwartungen spielt, indem er die Identität der „Hauptfigur“ so austauscht, dass sich erst am Ende die beklemmenden Ängste in fast kalauerhafte Tragikomik auflösen. Besonders überzeugt hat uns auch der karge Stil – auch dieser trägt zur Verwirrung bei.Christian Däullary – Die Verfügung
Eine Szene, wie sie sich tausendfach jeden Tag abspielt – nun schafft es der Autor, aus dem Thema eine Wendung zu gestalten, die das Sterben und Abschiednehmen eindringlich verdeutlicht: der Text ist getragen von der Erkenntnis, dass Liebe fehlbar sein muss und ein endendes Leben von Vergebung geprägt sein soll. Dem Leser lässt Däullary offen, was er aus dieser Botschaft mitnehmen will.Silvia Rossbach – Der Sonne entgegen
Präzise und mit kompakter Textstruktur kommt die Autorin mit ihrem Psychogramm eines scheiternden Menschen auf den Punkt: die Sehnsucht nach einem besseren Leben verleitet einen zutiefst unzufriedenen Menschen, zu betrügen und zu verletzen. Die alte Moral: man bekommt immer das, was man verdient, arbeitet Rossbach schön heraus.Ina Wallukat – Nulltarif
Eine Frau ist fremdgegangen – gut gelingt der Autorin über die Technik des inneren Monologs, in welch` Verwirrung die Hauptfigur diese Erfahrung stürzt. Dabei geht es weniger um Schuld und Moral, als um Entfernung vom Geliebten und Zweifel, die getragen sind von Sinnlichkeit. Schön wird hier mit den festgefahrenen Vorurteilen gespielt.- Vera Perkovac – Der Abschied
Hier erleben wir ein Kammerspiel, das dem Leser Einfühlungsvermögen in die Dramaturgie eines Dialogs abverlangt. Sparsam in den Beschreibungen, führt der Text uns nur über das Gespräch eine klassische Dreieckssituation vor Augen, in der wider die Erwartungen des Lesers die Frau versagt.




