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Vermisst

Immer, wenn Susanne Hartung ihren roten Golf vor der Frühstückspension Engel parkte, zog sie die Handbremse mit aller Kraft an. Kaum zu glauben, dass noch keiner diese Böschung hinabgedonnert sein sollte. Beim Aussteigen schnupperte sie die Luftveränderung. In 1200 Meter Höhe fächelte eine sanfte Brise durch die Sommerhitze. Dem Holzgebälk des Hauses entlockte die pralle Mittagssonne harzigen Duft. Es roch nach einer Woche Urlaub.

Während sie die Steintreppe zum Gästeeingang hinaufstieg, wunderte sie sich über die Stille. Am Türrahmen wedelte schläfrig ein großer, weißer Zettel: ‚Lies mich!’ Das Gekrakel sah Kathi Engels behäbiger Fülle und resolutem Regiment ähnlich: ‚Sind auf einer Beerdigung! Susanne: ‚Schwalbennest’ - Familie Liebhart: ‚Fürstenzimmer’. ‚Ah, Liebharts aus Kiel. Wie schafften die es bloß immer, das einzige Zimmer mit Bad zu kriegen? Im ‚Schwalbennest’ unter dem Dach würde es brütend heiß sein. Doch Susanne freute sich aufs Schwimmen im Bergsee droben im Wald und auf ausgedehnte Spaziergänge.

Am Nachmittag des dritten Tages köchelten hinter der ‚Hohen Munde’ erste Anzeichen für ein Gewitter. Susanne kam vom Baden und schlürfte mit den Engels Eistee. Kathi war immer für ein Schwätzchen zu haben. Thomas der Stillere. Vom Herd duftete es himmlisch nach Erdbeermarmelade, die Kathi in Gläser füllen wollte.

„Herr Liebhart ...“, Thomas sah verdutzt auf, und sie wandten die Köpfe zum Flur. Die Liebharts nutzten das schöne Wanderwetter ausgiebiger als andere und kamen nie vor dem Dunkelwerden zurück. Den Richter a. D. hatte Susanne am ersten Abend bei einem Bierchen in der Stube angetroffen, während seine Frau schon schlief, um für den ersten Wandertag fit zu sein. Er hatte sich gleich erinnert. „Wir haben zusammen gefeiert, Sie Ihren Geburtstag, Vera und ich unseren 15. Hochzeitstag.“ „Ja, genau. Vor zwei Jahren.“

„Letztes Jahr waren wir an der Nordsee“, hatte er ihr gestanden, „aber bei den Engels gefällt´s uns besser.“ Bei der einen Begegnung war es bis jetzt geblieben.

„Die sind aber früh dran“, wunderte sich nun Kathi und Susanne raunte: „Er ist gealtert, findest du nicht?“
„Ein Sprung von zehn Jahren, würde ich sagen. Er lässt sich gehen.“
„Wo seine junge Frau so pingelig ist?“
„Sie hat sich noch nicht sehen lassen. Mein Gott, was hat er denn?!“

Liebhart war allein. Unheilvoll schwerer Atem ging ihm voraus, als er ins kühle Halbdunkel der Küche tapste. Unter der tellergroßen Uhr mit dem vergilbten Zifferblatt lehnte er sich erschöpft an die Wand. „Sie sind weg ... ich hab´ sie verloren.“ Die knöchrige Hand griff an die Stirn, als müsste er über seine Worte nachdenken.
Thomas rückte einen Stuhl heran. „Sie sind ja ganz durcheinander. Erzählen Sie uns, was los ist.“
Es dauerte eine Weile, bis er sich zum Reden überwand. Viel schlauer waren sie hinterher nicht, nur ein wenig ratlos.

Am Vormittag hatte Liebhart seine Frau wegen einer ‚Sitzung’ im Wald allein vorausgeschickt und dann nicht wieder eingeholt. Seitdem irrte er umher, um sie zu suchen. Nun kauerte er in sich gesunken auf dem Stuhl, und ins Aroma von Erdbeermarmelade mischte sich strenger Schweißgeruch. Die stumme Panik im Gesicht des alten Mannes krampfte Susannes Brust zusammen. Offenbar nahm er für seine Frau das Schlimmste an. Als wäre ihr Schicksal bereits besiegelt, drehte er unaufhörlich den Ehering am Finger, ein abgeklärtes Wissen in den leblosen Augen.

Bis zum Abend schwand die Unbekümmertheit, mit der sie Liebharts Sorge anfangs als überspitzt abtaten. Thomas hatte seinem Betteln nachgegeben und wegen der Vermissten die Bergwacht um Hilfe gebeten. Womit niemand rechnete, weil ein Unglück kaum denkbar schien: Am Seeufer fanden sie im Schilf einen roten Rucksack und einen Wanderschuh. Beides identifizierte Liebhart als Besitz seiner Frau. Was alle schockierte, es blitzte in seinen trüben Äuglein wie Triumpf. Susanne glaubte, den alten Herrn zu begreifen. Ebenso wichtig wie seine Vera zu finden, war ihm die Rechtfertigung, sie zu suchen. Schuh und Rucksack legitimierten den Aufwand.

Donnerschläge jagten stumme Blitze, und durchs offene Küchenfenster wehte Luft, die nach Regen roch. Susanne fand die Überheblichkeit des Polizisten Erl ungehörig, der Liebhart nun schonungslos ins Gebet nahm. „Hatte Ihre Frau heute vielleicht andere Pläne? Im Ort gibt’s feine Geschäfte. Streit gehabt?“
Fast belustigt schaute Liebhart auf. „Wir verstehen uns prima, trotz des Altersunterschieds ... darauf spielen Sie doch an?! Oh, ich kenne die begehrlichen Blicke, die Vera auf sich zieht, ohne es zu wollen.“
„Begehrliche Blicke“, entrüstete sich Thomas, „da müsste sie sich ja erst mal zeigen. Bis jetzt hielt sie das nicht für nötig!“
Susanne teilte Kathis Verblüffung, da nun auch Liebhart aufbrauste: „Meine Frau kann sich zurückziehen, wann und wie lange sie will!“
Erl zuckte die Achseln. „Na, besser wir schauen mal nach, ob die Dame nicht einfach Koffer gepackt hat.“
Zitternd tastete Liebhart nach Susannes Hand. „Kommen Sie mit rauf? Ihm traue ich nicht.“ Draußen platschte ein Wolkenbruch nieder.

Als sie zehn Minuten später die Küche wieder betraten, stutzte Susanne. Sie verstand weder Kathis wortloses Kopfschütteln noch Thomas’ versteinerte Miene. In die Beklommenheit sagte sie: „Sieht nicht so aus, als ob Frau Liebhart abgereist ist. Ihre Garderobe hängt im Schrank.“
Auch Erl hatte sich überzeugt. „Creme-Tiegel, Haarbürste, alles, was eine Frau mitnehmen würde, ist im Bad. Verdammt, wir brauchen doch die Taucher ... Kathi, Thomas? Gibt’s was Neues?“

Verstört starrte Liebhart auf Thomas, der dicht vor ihm trat. „Ihre Frau ist tot, Herr Liebhart – und Sie wissen das.“
Der Wachtmeister riss den Mund auf. Susanne erschauerte in Gänsehaut. „Was?!“ Liebharts Gesicht war aschfahl, seine Stimme kraftlos. “Das ist nicht wahr.”
„Seine Tochter hat angerufen“, erklärte Kathi und führte ihn zur Eckbank, wo er wie knochenlos niedersackte. „Sie fand unsere Reservierungsbestätigung und macht sich Sorgen“, fuhr sie fort, „Frau Liebhart starb vor fast zwei Jahren an Krebs.“

Die hässliche Uhr hackte stur ihren kalten Takt herunter. „Der hat uns zum Narren gehalten“, murrte Erl ins betretene Schweigen.
„Nein“, bäumte sich Liebhart auf, „Susanne ... Sie haben ihr Nachthemd angefasst, ihr Parfüm gerochen. Die Männer von der Bergwacht ... die müssen mir Vera zurückbringen, das müssen die doch ... oder?“ Trockenes Schluchzen beutelte ihn, und seine Nägel krallten sich in Kathis fleischige Hand.

Am übernächsten Tag holte die Tochter ihn ab. Sie versprach sich Besserung von einer zweiten Therapie in der Nordsee-Klinik. Susanne beugte sich zu ihm in den Wagen. „Alles Gute.“ Den flehenden Blick und die bebende Stimme wurde sie lange nicht los. „Meine Vera ... ich vermisse sie so!“

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