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Nulltarif
Als ich in schnellen Schritten die paar hundert Meter über den Platz vom Hotel bis zu meiner Dachgeschosswohnung lief, war ringsum alles noch von einer unschuldigen Stille eingebettet. Kaum zu glauben, dass man sich in der Innenstadt befand. Hier und da vernahm man Geräusche von Anlieferfahrzeugen und vom Küchenpersonal des Hotels.
Es war jedoch nicht zu vergleichen mit der sonstigen Cityatmosphäre. Es war ein gewöhnlicher Samstagmorgen gegen 6.00 Uhr früh. Mir schien, als Hätte ich einen leichten Schleier über den Augen. Hatte ich zu wenig Schlaf bekommen – durchaus. War meine Wahrnehmung getrübt? Ich fand mich plötzlich mit allen Sinnen in einer anderen eigenen Welt wieder. War das alles wirklich geschehen oder träumte ich noch? Aber was es auch war, es war verantwortlich dafür, wie ich mich jetzt fühlte. Also ich lief immer schneller. Und ich saugte das Gefühl, dass ich in diesem Moment nur mit grenzenloser Freiheit gleich setzen konnte, gänzlich in mir auf, so als würde es das letzte Atembare sein. Ab und an stieß ich wie angestachelt von innerer Hitze ein leises Lachen heraus und hielt mir dabei die Finger an die Lippen, als hätte ich jemanden einen überaus spitzbübischen Streich gespielt. Aber in diesem Fall war es die „überlebte“ Mischung aus Gefahr, trunkener Abenteuerlust, Lust an sich, Entrücktsein und der ambivalente Hauch von Verruchtheit. Alles in allem eben ein magischer Cocktail aus emotionalem Bollwerk, ohne auch nur die geringste Trinkanleitung. Ein Cocktail, den man nicht etwa eingeflößt bekam, nein, nach diesem Cocktail war ich, ohne es zu wissen, süchtig geworden, bevor ich überhaupt an ihm nippen durfte. Ganz gleich, was diese Sucht ursprünglich auslöste. Egal, ob es nun der Arbeitsstress, der Alltagsfrust oder einfach nur der tückische April war. Ich war bereit, für diesen Cocktail voller übersprudelnder Leidenschaft mit dem Leben zu bezahlen.
Von alledem, was mir zum Sonnenaufgang durch den Kopf ging, bekam er nichts mit. Er schließ noch, als ich ihn in dem kleinen spartanisch eingerichteten Hotelzimmer im 3. Stock des Hauses verließ. So ganz hatte es mir nicht gefallen, dass er während meines Aufbruchs, nicht wach geworden war. Auch ein sinnlicher Kuss meinerseits auf seine Lippen änderte nichts an diesem Zustand. Nun, dann musste ich oder vielleicht er damit leben.
Es war also geschehen. Zweifellos würde diese Nacht mein Leben nachhaltig verändern, das spürte ich intuitiv. Inwieweit tatsächlich, darüber wollte ich in diesem Augenblick nicht nachdenken. Rückblickend hatte ich mir in meiner Rolle, die der dominanten Jägerin, außerordentlich gefallen. War es etwas, was ich in mir erst entdecken muss? War es meine vom Mond kurzzeitig beleuchtete dunkle von Eros beflügelte Seite? Nun, die Nacht war vorbei. Was war ich jetzt wieder? Wollte ich wirklich in mein altes Leben zurückkehren? Was glaubte ich, verlieren zu müssen? Den Mantel mit der dicken unübersehbaren Aufschrift: konventionell und streng moralisch, geprüft mit der großen genormten Plakette: anständig. Die Frage war doch eher, ob ich ihn jemals wieder anziehen wollte, diesen Mantel geschneidert mit dem straffen Zwirn der allseits beliebten Doppelmoral. Nein, jetzt war alles anders. Ich spürte es deutlich, aus mir war über Nacht ein Lebensjunkie geworden, wenn auch mit leicht neurotischen Zügen.



