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Königskerzen

Seit drei Tagen residiere ich in dem alten Bauernhaus; die Beiden, denen es gehört, renovieren es seit einigen Jahren; am Wochenende kommen sie aus der Stadt. In diesen vielen Räumen, von denen manche noch gerümpelig im Dunkeln liegen, fühle ich mich wie eine Königin.

Ich sitze auf der Schwelle vom hinteren Eingang. Das Dach ragt ziemlich weit über das erste Stockwerk; ich bin geschützt vor dem Regen. Eine Königskerze, drei Schritte vor mir, war über Nacht halb ausgewurzelt. Vorhin hab ich sie, einen mächtigen Stein an den Stengelgrund gelegt, aufgerichtet. Nun sehe ich durch den feinen Regen in die graue Luft und über den weiten Garten. Gleich neben der großen Kerze hier vorn, sie steht immer noch etwas schräg, rangeln verschiedene Sträucher, ein Oleander in einem Topf dazwischen, zwei Phloxfamilien regenzerzaust, ein Kaktus davor, dahinter die Wiese und darin in merkwürdigen Mustern in Gruppen oder einzeln verstreute Königskerzen. Ich sinniere durch die silbertropfigen Regengardinen, die sich bauschen, zurückweichen, sich verdichten oder im Dünnerwerden ganz zu Boden gehen, wobei sie sich glitzernd im Gebüsch, in Blumen und im Gras verhaken. Links klatschen kleine grüne Äpfel ins nasse Kraut. Rechts begrenzt ein gewaltiger Walnussbaum die Sicht zur Straße.

Immer noch sitze ich auf der Schwelle; die beinah einschläfernden Geräusche, vom Phlox her rosasüße Düftefetzen und, seltsam, der stumme Reigen der Königskerzen wirbeln eine karge Trauer auf. Der Regen schlurft über das Dach.

Auf einmal sehe ich mich vor einer Rosette aus dickfilzigen, hellblaugrünen Blättern stehen; oval sind sie mit weichen Spitzen; aus der Mitte wölbt sich ein breiter Kolben mit eng gedrängten kleinen Blättern in die Höhe.

Es war im Kapellenweg, am Rand auf der rechten Seite. Der Weg ging am Großbauernhof vorbei zum Bahnhof und danach zu den Läden im Dorf. Wir waren vor einiger Zeit als Bombenflüchtlinge angekommen. Inzwischen war ich eingeschult und jetzt sogar schon in der zweiten Klasse. Das Jahr hieß vierundvierzig. – „Das ist eine Königskerze“, hatte unsere Mutter eines Tages gesagt, als ich wieder vor den seltsamen Samtblättern stehen geblieben war, „eine Heilpflanze; wenn man aus den Blüten Tee macht, kann man damit Bauchweh und Husten heilen.“ Immer, wenn wir den Kapellenweg entlang gingen, war der dicke Kerzenkolben ein wenig höhergewachsen; diese seltsame Blume wurde so groß wie ich und sogar noch größer. Kleine grüne Knospen wurden sichtbar, aber unter ihrem dichten Flaum waren sie fest verschlossen.

Dann kamen die Tage, in denen die Mutter krank war und immer schwächer wurde und nicht mehr aufstehen konnte. Das Kindermädchen war bei meinen Geschwistern und mir. Viele Wege machten wir nun mit ihr. Und jedes Mal, wenn wir den Kapellenweg entlang wanderten, grüßte ich die Kerze des ungekannten Königs. Unendlich langsam bewegte sie sich ihrem Blühen entgegen.

An einem frühen Morgen wurden wir von fremden Leuten aufgeweckt. „Ihr sollt eure Mutter noch einmal sehen“, so wurden wir in das Nebenzimmer geschoben, wo sie in der letzten Zeit ausgeruht und geschlafen hatte. Unter dem dünnen, glattgestrichenen, weißen Bettzeug war nichts zu erkennen. Über das Gesicht hatte man eine Zeitung gelegt, wie ein ganz flaches Dach gefaltet. Es war kalt im Raum und sehr leer. Nun war ich die Älteste.

Unser Vater kam von der Front und musste nach einem Tag wieder weg. Seine Mutter, unsere Großmutter, war mit ihm gekommen und blieb bei uns.

An irgendeinem Tag gingen wir zum letzten Mal durch den Kapellenweg. Ach, die Blume blühte nicht; vielleicht brauchte sie nur noch einen Tag, einen halben vielleicht nur noch. Aber wir mussten abreisen, schleppten mit Taschen und Köfferchen und Koffern an ihr vorbei; geradeaus sehen, nicht umgucken; hinter dem Holunderbusch nach links und zum Bahnhof; unter dem absplitternden Holzschild hindurch, „Räder rollen für den Sieg“ hatte ich bei jedem Vorübergehen darauf nach und nach entziffert. Der Dampfzug kam, wir stiegen ein, die Lokomotive jaulte einmal schreiend auf, ruckte an, stieß mit Stampfgetöse weiße Wolken aus und rollte mit uns weg.

Nach heftigem Prasseln, sprühfein bis zu mir, denn der Wind hatte sich gedreht, ebbt ein Wolkenloch auf. Die Sonne glimmt anfangs verhalten durchs Diesige; das löst sich jetzt auf in hellem Licht. Die Königskerzen breiten die hohen, goldgelben Blüten weit. Die Sonne trocknet mein nasses Gesicht.

Ich sehe die Königskerzen blühen.

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