Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Angst
Mein Stuhlsitz fühlte sich heiß und klebrig an. Als ich mich erhob, gab es ein pupsendes Geräusch. Ich strich meinen Rock glatt, legte die Akten in den Schrank zurück und trat ans Fenster. Weit hinausgelehnt genoss ich die leichte Brise, die meine feuchte Haut streifte. Hier oben, im neunten Stock des Bürohauses, zog immer ein leichter Wind um die Fassade, selbst bei diesem schwülen Wetter.
„Fallen Sie nicht aus dem Fenster, Marlene!“
Ich wirbelte herum und lachte. „Keine Sorge, Herr Kollege, ich passe gut auf.“
Paul Müller stand im Raum und putzte sich die Brille. „Entschuldigen Sie, aber die Tür stand offen. Ich verabschiede mich schon mal, es ist gleich fünf.“
„Hoffentlich wird die Klimaanlage bald repariert. Bei geschlossenen Türen ist es kaum auszuhalten, ein schönes Wochenende, Paul! Was machen Sie denn, bei der Hitze?“
„Meine Schwiegermutter kommt zu Besuch. Wir werden wohl im Garten sitzen und grillen. Und Sie, Marlene? Segeln?“ „Ja, mein Freund hat mich eingeladen.“
„Viel Spaß! Tschüß bis Montag! Bleiben Sie nicht mehr so lange!“
„Ich packe nur noch meine Sachen zusammen, dann bin ich auch weg. Tschüß Paul, viel Spaß!“ Wenige Minuten später stieg ich in den Fahrstuhl und drückte auf Erdgeschoss. Lautlos schwebte der Fahrstuhl in die Tiefe. In meiner Tasche fanden sich, nach einigem Kramen, Pfefferminzbonbons. Ich legte mir ein Kügelchen auf die Zunge und wollte die Tasche schon wieder schließen, als ich mich fragte, wo wohl mein Handy geblieben war. Eifrig suchte ich nach dem Telefon, als das Licht in der Kabine plötzlich flackerte. Mit einem Ruck blieb der Fahrstuhl stehen. ‚Auch das noch! Hoffentlich dauert es nicht lange, ich habe jede Menge vor Geschäftsschluss zu erledigen.’ Ich suchte nach dem Notruf, drückte fest auf den Knopf, doch auch nach mehreren Minuten reagierte niemand auf das Signal. ‚Mein Handy! Irgendwo muss es doch sein.’ Ich leerte den Inhalt meiner Handtasche auf dem Boden aus. Nichts!
‚Ich muss hier raus!’
Mit beiden Fäusten schlug ich kräftig gegen die Fahrstuhltür.
„Hallo!!!! Ist da jemand?“
‚Ganz ruhig bleiben, gleich kommt der Hausmeister und öffnet die Tür’, sprach ich mir gut zu. Ich lehnte mich an die Kabinenwand und atmete tief durch. Schweißtropfen bildeten sich auf meiner Stirn. Erneut hämmerte ich an die Tür, bearbeitet das Notsignal und spürte mein Herz, das immer schneller zu schlagen begann.
‚Ganz ruhig bleiben. An was Schönes denken!’
Ich schloss die Augen und dachte an Martin. Ich liebte Martin.
Das Licht flackerte unruhig, bevor es erlosch. Jetzt stand ich im Dunkeln. Mein Herz fing wild zu rasen an, ich zitterte am ganzen Körper, abwechselnd wurde mir heiß und kalt.
‚Ich überlebe das nicht, ich werde sterben, bloß keine Panik!’ Mit Atemübungen versuchte ich, gegen die Angst anzukämpfen. ‚Langsam einatmen, ganz langsam ausatmen. Ein, aus, ein, aus.’ Ich legte eine Hand auf mein klopfendes Herz und schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. ‚An etwas Schönes denken! Ja, an Martin.’ Doch es gelang mir nicht. Plötzlich hatte ich das Gefühl, die Wände kämen im Dunkeln auf mich zu. Der Raum wurde immer enger. „Hilfe!!!“ Meine Hände zitterten und das Herzrasen setzte wieder ein. ‚Ich sollte ein Pfefferminzbonbon lutschen.’ Das Bonbon brannte auf meiner Zunge. ‚Tief ein und ausatmen!’ Das dünne Sommerkleid klebte an meinem Körper. In den Kniekehlen sammelte sich der Schweiß. Wieder und wieder trommelte ich mit beiden Fäusten gegen die Fahrstuhltür, suchte blind nach dem Notsignal und fand es nicht. Die Stille war greifbar. Eine Welle der Verzweiflung überrollte mich. Schluchzend ließ ich mich auf die Knie fallen. Mein Hals war trocken, die Luft wurde immer stickiger. Die Zunge klebte an meinem Gaumen, ich hatte schrecklichen Durst. So hatte das alles keinen Sinn, erkannte ich. ‚Ich muss mich zur Ruhe zwingen.’ Ich versuchte zu meditieren.
‚Meine Arme werden schwer, meine Beine werden schwer, ich atme ganz ruhig. Ich laufe über eine blühende Blumenwiese, die Vögel singen. Schmetterlinge tanzen, am Himmel ziehen Wolken.
Lang ausgestreckt lag ich auf dem Boden und fühlte, wie ich immer schläfriger wurde.
„Was machen Sie denn hier?“
Ich schlug die Augen auf. Das Licht brannte. Der Nachtwächter stand über mich gebeugt. „Gott sein Dank!“
Ich weinte hemmungslos.



