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Der Sonne entgegen
Er hatte es geschafft. Einchecken und Passkontrolle lagen hinter ihm. Er suchte sich in der überfüllten Wartehalle der großen amerikanischen Fluggesellschaft einen freien Fensterplatz und steckte sich mit zitternden Händen eine Zigarette an, die er in hastigen Zügen aufrauchte.
Günther Weißenfeld sah sich unauffällig um. Fiel er irgendwie auf? Beobachtete man ihn schon? Nein, er wirkte genau so wie die unzähligen anderen Passagiere, die ungeduldig auf den Aufruf ihres Fluges warteten. Amerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Auch für ihn? Auf jeden Fall ein großes Land, gut zum Untertauchen. Und er würde ja auch nur ein paar Tage in New York bleiben. Sam Mitchell, sein einziger Bekannter in den USA, hatte bereits die Schiffspassage nach Rio de Janeiro für ihn gebucht.
Eine dunkle Frauenstimme ertönte aus dem Lautsprecher und forderte die Passagiere der Delta Airlines auf, sich für den Flug Nr. 8903 nach New York, Kennedy-Airport, zum Ausgang Nr. 13 zu begeben. Sorgfältig legte er seinen abgetragenen, beigefarbenen Trenchcoat über den Arm. Seinen schwarzen Aktenkoffer, in dem das Geld lag, hielt er dabei verkrampft in der Hand. Zügigen Schrittes und tief durchatmend, schritt er durch den Finger zur Maschine. Durch ein kleines Fenster warf er einen letzten Blick auf die große Stadt, bevor er zögernd in den Airbus einstieg. Einen Moment lang kam er sich schäbig gegenüber Renate vor. Nach über 25 Jahren. Aber er verwarf den aufkommenden Gedanken sogleich wieder. Sie Würde allein fertig werden, wie sie es stets mit allem geworden war. Und wenn er tatsächlich seinen Traum verwirklichen wollte, durfte er nicht sentimental werden. Mit dem ganzen Geld, das er nun hatte, würde er unter anderen, rassigen Frauen wählen können.
Weißenfeld hatte einen bequemen Fensterplatz kurz vor den Tragflächen erhalten. Er schnallte sich unbeholfen an und lehnte sich in das weiche Polster seines Sitzes zurück. Endlich dröhnten die Motoren der Maschine, laut und lauter werdend. Der Airbus ruckte an und rollte nun langsam und rüttelnd zur markierten Startbahn. Dort beschleunigte das Flugzeug zusehends auf immer höhere Geschwindigkeit, hob plötzlich vom Boden ab und gewann schnell an Höhe.
Über den Sitzen erlosch der Hinweis „fasten seat belt“. Günther Weißenfeld löste erleichtert den zu engen Gurt. Vielleicht war die Polizei schon bei Renate. 1,5 Millionen Euro waren kein Pappenstiel. Egal. Und seinem Filialleiter René Sander gehörte das Geld ja schließlich nicht. Sander, dieser junge Angeber – er war es, der ihn unbewusst zu der Unterschlagung verleitet hatte. Mit seinem extravaganten, teuren Leben. „Möchten Sie etwas trinken?“ Die blonde, dezent geschminkte Flugbegleiterin stand mit der Bordbar vor seiner Reihe. „Ja, einen Whiskey auf Eis, bitte.“ Er wollte unbewusst einen der unzähligen Geldscheine aus seinem Diplomatenkoffer ziehen, besann sich aber rechtzeitig und suchte fahrig etwas Kleingeld aus der Jackentasche zusammen. Erleichtert nippte er an der kalten braunen Flüssigkeit.
Plötzlich sackte die Maschine ab. Einige Passagiere schrien erschrocken auf. Klong. Der Schriftzug „fasten seat belt“ über seinem Sitz leuchtete wieder auf. Weißenfeld trank irritiert einen großen Schluck und überlegte dann, in was für einem feudalen Bett er wohl die erste
Nacht vom Rest seines Lebens zubringen würde.
Der Motor stockte.
Wenige Minuten später, in der gleißenden Mittagssonne, sahen die Einwohner des Bergdorfes Balmoral in den schottischen Highlands einen großen brennenden Silbervogel wie einen Stein zur Erde fallen.



