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Gewissheit

„Aua“. Ein scharfer Schmerz durchbohrte Sandras rechten Knöchel. Sie humpelte zur Parkbank. Ein wütender Ruck am Reißverschluss befreite ihren Fuß aus dem engen Lederstiefel. Sandra massierte den Knöchel, bis der Schmerz nachließ. Sie dachte an heute morgen. In der Besprechung hatte sie sich überhaupt nicht konzentrieren können. Immer hatte sie gedacht, sie müsse gleich spucken. Übelkeit kroch wieder in ihr hoch. Sie nahm ein Pferfferminzbonbon aus ihrer Tasche und schob es in den Mund. Trägheit überfiel sie, und sie schloss die Augen. Die Lichtstrahlen der Oktobersonne durchdrangen ihre Augenlider und erreichten ihre Netzhaut. Einfach nur sitzen und da sein, nichts weiter.


Als eine Wolke die Sonne verdeckte, machte sie ihre Augen wieder auf und sah ein ungleiches Paar auf die Parkbank zu steuern. Die Frau nahm neben Sandra Platz, und der kleine Junge fuhr auf seinem Holzroller hin- und her. Jedes Mal, wenn er an den beiden Frauen vorbeikam, machte er ein anderes Kunststück. Einmal hob er den rechten Arm, dann das linke Bein. Seine Augen leuchteten: „Guck mal, Mama, was ich kann!“ Und als ihm nichts mehr einfiel, streckte er die Zunge heraus. Die beiden Frauen lachten. „Komm, Julian, wir wollen nach Hause“. Sandra schaute den beiden hinterher und registrierte neidisch die ausgelatschten Schuhe der Mutter. Mit einem Seufzer zwängte sie ihren Fuß in den Stiefel und stand auf. Die Sonne war plötzlich verschwunden, und ein kühler Wind wirbelte Blätter auf. „Ich muss noch Äpfel kaufen“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie aß zur Zeit wenigstens drei am Tag. Sofort meldete sich Sandras Magen wieder. Sie kramte nach den letzten Bonbon in der Tasche. „Und Pfefferminzbonbons“.


Sie nahm den Seitenausgang aus dem Park, überquerte die Straße und betrat den Obstladen. Der aromatische Duft von Äpfel und Zitrusfrüchten umfing sie. Ihr Magen knurrte ganz laut. Als hätte der Verkäufer es gehört, bot er Sandra Apfelstückchen zum Probieren an. „Danke, wirklich lecker, diese Sorte, ich nehme zwei Kilo davon.“ Sie reichte dem Verkäufer drei Euro. „Wissen Sie, wo es hier eine Apotheke gibt?“ „Ja, ganz in der Nähe, an der Kreuzung rechts runter der zweite Laden“.


Sandra hielt die Äpfel wie ein Baby im Arm. Sie fand die Apotheke auf Anhieb. Als sie eintrat, wurde sie von einer kleinen älteren Frau in weißem Kittel gemustert. „Was kann ich für Sie tun?“. „Ich hätte gern zwei Rollen Pfefferminzbonbons, besonders scharfe, wenn Sie haben.“ Die Frau legte zwei Rollen auf den Tresen. „Sie haben sonst noch einen Wunsch, junge Frau?“ Sandra hörte die Stimme der Apothekerin wie durch Watte. Sie hielt sich krampfhaft am Tresen fest, um nicht umzufallen. „Kommen Sie, setzen Sie sich einen Moment, Sie sind ja ganz bleich. Ist Ihnen nicht gut?“ Die Apothekerin schob Sandra auf einen Stuhl. Dann holte sie ein Glas Wasser: „Trinken Sie einen Schluck. Was wollten Sie noch? Erinnern Sie sich?“ Sandra suchte mühsam die Worte zusammen. Und dann war es heraus. „Ich wollte nach einem Schwangerschaftstest fragen.“ Die Frau blickte sie prüfend an. „Wenn Sie wollen, können wird den hier machen, dann wissen Sie das Ergebnis gleich.“ Sandra schloss die Augen. Ja, das wollte sie. Jetzt wollte sie es wissen.


Als sie später nach Hause ging, nahm sich nichts vom brausenden Feierabendverkehr wahr. Ein warmes Glücksgefühl durchströmte sie. Wenn es ein Mädchen ist, dann soll es Celine heißen. Und ein Junge? Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Wie hieß noch der kleine Junge im Park? Julian. Der Jungenname gefiel ihr.

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