Sie sind hier:Teilnehmer / "Junge Autoren" / Archiv / 

Wehe dem, der sich unterschätzt

„Hände hoch, das ist ein Überfall!“, schrie der maskierte Mann und warf den Bankangestellten einen schmutzigen Jutesack an die Brust. „Alles rein da, aber dalli“ Und keine Tricks, verstanden!“ Der Bankangestellte nickte kurz und versuchte, die Pistole, die auf ihn gerichtet war, zu ignorieren. „Alle da rüber!“ Und keinen Mucks. Los! Los!“ Die Männer und Frauen drängten sich wie ängstliche Schafe in die Ecke. Jeder wollte möglichst weit hinten stehen und so der Aufmerksamkeit des Räubers entgehen. „Brauchst du `ne Extraeinladung, Opa?“ Ein alter Mann mit schneeweißem Haar und dicker Brille stand mitten in der Halle und kramte in seiner Aktentasche. „Hände hoch und in die Ecke, hab´ ich gesagt!“ Der Alte schloss seine Tasche und stellte sie behutsam auf den Boden, ohne auf die Forderungen des Räubers einzugehen. „Machen sie bitte, was der Mann sagt“, stotterte der Bankangestellte. „Er hat eine Waffe und ...“ „Schnauze! Hab` ich dir erlaubt, etwas zu sagen? Hab` ich das? Quatsch nicht rum, sonst machst du Bekanntschaft mit der Lady hier.“ Der Räuber deutete auf seine Pistole. In der Halle breitete sich eine unheimliche Stille aus, die nur durch das Rascheln der Banknoten, die der Bankangestellte, hastig in den Sack stopfte, unterbrochen wurde. Über seine Glatze liefen dicke Schweissperlen hinunter zum Kinn, die auf die penibel, gebundene Krawatte tropften. „ Geht es ihnen nicht gut?“, fragte der alte Mann plötzlich. „Sie sind weiß, wie die Wand hinter Ihnen.“ „Die Bank wird gerade ausgeraubt, falls Sie es nicht ...“

„Ruhe!“, brüllte der maskierte Räuber. „Noch ein Wort, und es knallt! Kapiert?“ Der Bankangestellte fing am ganzen Leib an zu zittern. „Sie haben sich wohl eine Grippe eingefangen.“ „Halts Maul!“, donnerte der Räuber. „Bist du taub, oder was? Ich sagte, du sollst die Hände hoch nehmen und in die Ecke verschwinden!“

Der alte Mann reagierte nicht und fuhr fort: „Sie sollten nach Hause gehen, einen Tee trinken und sich hinlegen.“ „Ich knall´ dich ab, du alter Sack, wenn du nicht endlich das tust, was ich die sage!“, zischte der Räuber und drehte sich zum Bankangestellten um. „Leg die Kohle da auf den Tresen und geh´ ganz langsam zu den anderen. Und keine Mätzchen!“ Der Bankangestellte schob den prall gefüllten Jutesack mit beiden Händen durch den Ausgabeschlitz. „So ist ´s brav. Und nun hau ab! Na los!“

Bevor der maskierte Mann den Jutesack zu packen bekam, hielt ihn schon der alte Mann in seinen Händen.

„Werter Herr, Sie haben das Geld liegen gelassen.“ Mit zwei schnellen Schritten war der Räuber beim alten Mann. „Gib den Sack sofort her!“ Eisblaue Augen funkelten ihn durch zerfranste Sehschlitze an. „Wird ´s bald!“

Der alte Mann sah auf, lächelt kurz und ließ den Sack los. Einen Sekundenbruchteil später verspürte der Räuber einen stechenden Schmerz, der sich vom Hinterkopf rasend schnell bis zur Ferse ausbreitete. E verdrehte die Augen und fiel wie vom Blitz getroffen zu Boden. „Verdammter Amateur“, sagte der alte Mann und blickte sich um. Verdutzte und erstaunte Gesichter starrten ihm entgegen. „Kriminaloberinspektor im Ruhestand“, sagte der alte Mann und verbeugte sich mit einem Lächeln.

Entdecken Sie jetzt
Ihr Schreibtalent
 
  Schreiben lernen mit dem Leitfaden von der Schule des Schreibens Herr Frau
Persönliche Beratung Online anmelden Gratis-Newsletter