Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Großvaters Visionen
Großvater war das eigentliche, heimliche Zentrum des Universums, um das sich alles zu drehen hatte. Das erklärte auch die Ursache für seinen Autounfall. Selbst gegenüber der Polizei behauptete er steif und fest, dass sich der Baum auf ihn zu bewegte, er habe zu keiner Zeit die Straße verlassen. Dreißig Stundenkilometer sei er gefahren, mehr war bei dem kraterübersäten Zufahrtsweg zu den stillgelegten Betonsilos sowieso nicht drin. Auf die Frage, was in dem wegen Baufälligkeit gesperrtem Gelände zu suchen habe, antwortete Opa ernsthaft, er vermute dort den Grund für die Stimmen, die ihn seit zwei Wochen nächtens auffordern, dorthin zu kommen.
Seit dieser Zeit beglückte uns Großvater regelmäßig mit frei ausgelegten Weisheiten großer Gelehrter, sehr zur Sorge meiner Eltern. Wie jeden ersten Sonntag im Monat fanden wir uns auch heute zum Kaffee in der guten Stube des kleinen Häuschens ein, in dem schon Generationen unserer Familie gelebt hatten. So würde es, nach dem Willen der Großeltern, auch noch Generationen weiter gehen, wenn nicht irgendwann, die Abrissbirne dieser Tradition ein Ende machte.
Alle saßen am gedeckten Tisch, ich stopfte wahllos Kuchen in mich hinein, der ohne Zweifel einen Nobelpreis oder mindestens eine Goldene Kuchengabel verdient hätte. Mutter und Großmutter waren in eine Diskussion über Rezepte vertieft, mein Vater bemühte sich, mit Unmengen von Zucker und Sahne den Kaffee genießbar zu machen, als Opa plötzlich aufsprang und an die Decke starrte. Die linke Hand an der Hosennaht, durchstach der Kaffeelöffel in seiner Rechten mit einer kreisenden Handbewegung erst den imaginären Pferdekopf-, dann den Andromedanebel.
„Ich habe eine Vision“, verkündete Opa mit geschlossenen Augen, den Kaffeelöffel gefährlich nah dem einzigen noch ganzen Schirm des sechsarmigen Leuchters parkend. Wie immer starrten ihn alle ehrfurchtsvoll an. Ich nutzte die Chance, um mir ein weiteres Stück Kuchen zu angeln, doch eine Kopfnuss meines Vaters bremste mich aus. Nur Oma, bei der die akustischen Botschaften unseres familieneigenen Propheten generell zu spät ankamen, kämpfte gerade mit ihrer Kuchengabel, die sich in ihrem Gebiss verklemmt hatte.
„Welche isses diesma?“ nuschelte Oma. Ihre Selbstbefreiungsversuche wurden hektischer. „Gib mir einen festen Punkt im All“, antwortete der Angesprochene, „ und ich hebe einen beim Angeln!“
Respektlos prustete ich vor Lachen Kuchenkrümmel auf die selbstgehäkelte Tischdecke. Oma zog mit einem Ruck endlich die Gabel aus dem Mund- mit dem daran hängenden Oberteil ihres Gebisses. „Missd“, fluchte sie und zog mit beiden Händen, um Gabel und Zähne zu trennen.
Opa, in pathetischer Pose erstarrt, wartete auf eine, der Bedeutung seiner Worte angemessene Reaktion unserseits. Jedoch war Großmutters Duell weitaus interessanter. Sie bemerkte die auf ihr ruhenden Blicke und die peinliche Stille.
„Kenn wa schon Rudi“, lenkte sie von ihrem Tun ab, „ is von Pluto oder so.“
Wegen der fehlenden Kauleiste blubberten die Silben nur schwerfällig aus ihrem Mund.
Opa, seines Ruhmes beraubt, ließ sich missmutig auf seinen Stuhl fallen. „Pöbel...Genie...missverstanden...“ brabbelte er vor sich hin, während er lautstark seinen Kaffee umrührte. Meiner Eltern schwiegen betreten. Oma griff zu Hilfswerkzeug, nahm ihren Kaffeelöffel und hebelte mit aller Kraft einer Neunundsiebzigjährigen an ihren Dritten herum.
Plötzlich lehnte sich Opa zurück und schloss die Augen, sein Kopf kippte nach hinten. Ich zählte die Sekunden. Als ich bei acht ankam vernahmen wir auch schon ein röchelndes Schnarchen. Großvaters Körper verlangte nach dieser geistigen Überanstrengung eine Erholungsphase, die in der Regel mehrere Stunden anhielt. Wie auf Kommando wandten sich meine Eltern wieder artig ihren Tellern zu, während sich Omas Kampf der Endphase näherte. Winkel und Richtung abschätzend, nahm ich vorsorglich mein Kakaoglas aus der Flugbahn. Kaum hielt ich es in der Hand, als auch schon das Gebiss quer über den Tisch flog und, entgegen meinen Berechnungen, im Rand des Käsekuchens stecken blieb. Der Rest des Nachmittags verlief unspektakulär bis zu unserer Abreise und ich freute mich schon auf das nächste Mal, natürlich nur wegen des Kuchens oder was dachten Sie?



