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Der Geist im Kuhstall
Das Landleben war für mich der Inbegriff von Langeweile und Müssiggang. Das dies ein fataler Irrtum war, musste ich am eigenen Leibe erfahren. Aus Liebe zu einem Bauernsohn verabschiedete ich mich schweren Herzens vom pulsierenden Stadtleben und zog in ein kleines Bauernhof im freiburgerischen Seeland. Ich gab mir Mühe, mich möglichst schnell in meiner neuen Heimat zu integrieren. Dank meines Beitrittes in den örtlichen Landfrauenverein wurde ich bereits nach wenigen Monaten von der Dorfbevölkerung als eine der Ihrigen akzeptiert. So fand ich langsam Gefallen an der ländlichen Idylle, bis eines Tages ein unerhofftes Ereignis das kleine Dorf erschütterte.
Alle begann an einem normalen Mittwochabend gegen Ende eines regnerischen Sommers. Ich war eben damit beschäftigt, auf unserer blumenprächtigen Terrasse die sonnegetrocknete Wäsche von der Wäscheleine zu nehmen, als sich auf dem Nachbbarhof ein lautes Fluchen und Muhen erhob. Blitzschnell ließ ich das letzte Kleidungsstück in den Wäschekorb fallen und rannte über die Dorfstraße zum Ort des Geschehens. Dort wäre ich beinahe in ein lautes Lachen ausgebrochen. Unser Nachbar Franz, ein stämmiger Bauer im mittleren Alter, lag ausgestreckt vor seinem Stall auf dem vom Regen aufgeweichten Boden und bemühte sich vergeblich, aus dem Morast hochzustrampeln. „Bleib ruhig“, rief ich ihm zu und packte ihn an beiden Händen. Zu meiner Verwunderung schaffte ich es beim ersten Versuch, den schweren Mann auf seine Füße zu hieven. „Sapperlot“, wetterte Franz und erhob drohend die morastverklebte Faust Richtung Weide, wo sechs Kälber ihre Mäuler genüsslich in das saftige Gras steckten. Darauf wandte er sich mit einem verlegenen Lächeln zu mir. „Danke, Susan. Ich habe die Kälber für die Nacht in den Stall treiben wollen. Aber als das erste Tier in den Stall betrat, hat es sich vor etwas erschrocken und alle sind in Panik auf die Weide zurück gerannt. Dabei haben die dummen Viecher mich umgerannt.“ Kaum hatte Franz fertig gesprochen, begannen schwere Regentropfen aus den herangezogenen schwarzen Wolken zu fallen. Eilends versabschiedeten wir uns und mit knapper Not konnte ich mich mit meinem randvollen Wäschekorb ins Trockene flüchten.
Rasch hatte ich diesen belanglosen Vorfall vergessen, bis zwei Tage danach das monatliche Treffen des Landfrauenvereins stattfand. An diesem Tag musste ich etwas länger im Büro bleiben und traf deshalb mit einer zwanzigminütigen Verspätung im kleinen Gemeindesaal der ehemaligen Dorfschule ein. Leise setzte ich mich in den Kreis von etwa fünfzehn Frauen und konnte noch die letzten Worte Friedas, der Frau von Franz, aufschnappen. „...und seit drei Tagen weigern sich die Kälber, ein Bein in den Stall zu setzen.“ „Und den Stall habt ihr kontrolliert?“ fragte Ruth, die rundliche Frau vom Dorfbäcker.
„Natürlich haben wir den ganzen Stall abgesucht“, entgegnete Frieda und unterstrich diese Aussage mit einer ausschweifenden Armbewegung, als säßen wir alle im besagten Kuhstall. „Da war rein gar nichts. Nur dieses unbeschreibliche Geräusch“, fuhr sie nunmehr mit gedämpfter Stimme fort.
„Was für ein Geräusch? Fragte Ruth entsetzt. „Ein lautes Zischen, welches plötzlich in ein dumpfes Stöhnen überging. Fast so, als wäre es der Leibhaftige persönlich gewesen“, Friedas Stimme war inzwischen nur noch ein leises Flüstern. Ein betretenes Schweigen breitete sich im ehemaligen Schulzimmer aus und wahrscheinlich stellten sich in diesem Moment alle in Gedanken den Leibhaftigen vor.
An diesem Abend eilten wir alle auf dem direktem Wege nach Hause, anstatt, wie sonst üblich, auf dem Heimweg zu verweilen.
Am folgenden Morgen öffnete ich die Fensterläden und staunte nicht schlecht, als die halbe Dorfbevölkerung vor dem Nachbarstall in einer Menschenschlange stand. Offensichtlich wollten alle den unheimlichen Stall in Augenschein nehmen.
Meine Neugierde siegte und so stellte ich mich in die Reihe.
Frisch gestreutes Stroh, kotverschmierte Wände, Hunderte von Fliegen; der erste Blick in den Stall ließ nichts Außergewöhnliches vermuten.
„Hört ihr das?“, flüsterte Ruth plötzlich, welche vor mir stand, mit weit aufgerissenen Augen, „hört ihr auch dieses Geräusch?“.
Tatsächlich erfüllte aus dem Nichts kommend ein durchdringendes Keuchen den kleinen Stall, um ebenso unvermittelt wieder zu verstummen. Ein kalter Schauder lief mir über den Rücken. Ich hatte kaum Zeit mich zu besinnen, als ich bereits von den nachdrängelnden Menschen aus dem Stall geschubst wurde. Irritiert vom Gehörten gesellte ich mich zu Ruth, welche wild gestikulierend ihre Ansicht kund tat: „Das ist bestimmt der Geiste vom Martin. Der hat sich vor vierzig Jahren in diesem Stall Erhängt, weil ihn seine Frau betrogen hatte. Sein Geist hat keine Ruhe gefunden und ist zurückgekehrt. Wir müssen den Pfarrer holen, damit er ihn vertreiben kann.“
Somit war die Diskussion eröffnet und jeder im Dorf äußerte sich, wie der Geist des Martins zu besänftigen sei. Eine Pilgerfahrt nach Einsiedeln, Ausräucherung des Stalls mit Weihrauch oder gar die Abreißung des ganzen Hofs waren nur einige der ideenreichen Vorschläge. Die Geister-Debatte griff in rasendem Tempo um sich und einige Stunden später beteiligten sich auch die umliegenden Dörfer daran.
Nur allzu gern hätte ich auch weiterhin daran teilgenommen, aber leider verreisten wir am nächsten Morgen in aller Früh für zwei Wochen in die Ferien. Ungeduldig wartete ich auf unsere Rückkehr uns als endlich soweit war, machte ich mich am selben Tag auf dem Weg in die Dorfbäckerei, um den Stand der Dinge zu erfahren. Ich hatte Glück und Ruth stand hinter der Verkaufstheke. Nach dem üblichen Höflichkeitsaustausch fragte ich sie nach dem Geist des Martins, worauf sie mit einen irritierten Blick zuwarf und dann in ein schallendes Lachen ausbrach.
„Du hast also noch nichts mitbekommen?“, fragte sie amüsiert, „Von dieser Geschichte redet hier schon lange keiner mehr. Aber laß gut sein; ich werde es die erzählen.“ In einigen knappen Sätzen weihte Ruth mich in das Rätsels Lösung ein und verabschiedete sich von mir mit einem mitleidigen Lächeln, welches soviel aussagte wie: „Hast du wirklich an einen Geist geglaubt?“. Trotz dieser herablassenden Geste verließ ich den Bäckerladen mit einem breitem Schmunzeln.
Franz ,der Bauer, konnte sich mit dem Gedanken, einen Geist in seinem Stall zu beherbergen, nicht besonders anzufreunden und griff zu einer List. Er reinigte den Stallboden und streute Sand, um so dem Täter auf die Spur kommen. Bereist am folgenden Morgen schnappte die Falle zu und winzige Krallenabdrücke führten Franz zu einer versteckten Mauernische in der hinteren Stallwand. Dort lag ein kleiner stachliger Geselle, der ein ganzes Dorf in Auffuhr versetzt hatte, zu einer Kugel zusammengerollt und schlief herzhaft vor sich hinschnarchend. Ob der kleine Igel wohl auch vom Geist des Martins träumte?



