Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Spaghetti Amore
Völlig durchnässt kamen Laura und ich bei unserem Lieblingsitaliener an. Die Welt schien im Regen zu versinken. Und obwohl wir beide mit einem Schirm ausgestattet waren, hatte der Schauer uns nicht verschont. Wir sahen aus wie zwei begossene Pudel. Das passte wirklich zu diesem schrecklichen Tag. Wir stellten unsere Schirme in den Ständer und zogen unsere triefenden Mäntel aus. Der Kellner kam und wies uns einen gemütlichen Tisch direkt am Fenster zu. „Jetzt esse ich erstmal eine riesige Portion Spaghetti! Das habe ich mir nun verdient!“ sagte ich und wischte mir die letzten Tropfen aus meinen langen, blonden Haaren. Ich musste schrecklich zerzaust aussehen, aber das war mir nach diesem Tag gleichgültig.
„Ich werde eine Pizza nehmen.“, sagte Laura, meine Freundin und liebste Arbeitskollegin. Die Glückliche hatte einen Kurzhaarschnitt. Dafür konnte ich sie jetzt nur beneiden. Sie richtete schnell ihren Schopf und sah wieder perfekt aus. „So etwas wie heute im Büro möchte ich noch einmal erleben. Wenn der Müller sich ein weiteres Mal zu Unrecht über mich beim Chef beschwert, dann werde ich ihm den Hals umdrehen! Oder noch besser: ich werde ihn zum Mond schießen!“
Ich war immer noch aufgebracht und kniff meine Augen zu so einem bösen Blick zusammen, dass sogar Laura erschrak. „Nun beruhig dich doch, Tina. Jetzt sitzen wir hier und du erholst dich bei deinen Spaghetti.“, versuchte sie mich zu beschwichtigen. Der Kellner kam an unseren Tisch und wir bestellten. Ich hoffte, dass die Spaghetti mich auf besseren Gedanken bringen würden. Zum Glück dauerte es nicht lange und er brachte unser heiß ersehntes Essen. Wie herrlich die Spaghetti dufteten. Ich schob mir einige Nudeln in den Mund und musste sie vor lauter Ekel gleich wieder ausspucken: „Die sind ja total versalzen!“ Wütend rief ich den Kellner an unseren Tisch. „Da ist dem Koch wohl der Salzstreuer hineingefallen! Das ist ja eine Zumutung!“ „Unsere Gerichte sind stets einwandfrei. Sie können ja wo anders essen wenn es Ihnen nicht schmeckt.“ Ich schnappte nach Luft. Doch diese Frechheit konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich schrie nun so laut, dass alle Gäste es mitbekommen mussten: „So eine Unverschämtheit! Ich will sofort den Koch sprechen!“
„Wie Sie wünschen.“, erwiderte der Kellner und ging, um den Koch zu holen. Nach kurzer Zeit kam dieser an unseren Tisch. Mir platzte so der Kragen, dass es mich nicht mehr auf meinem Stuhl hielt. Ich baute mich vor dem Koch auf, stemmte die Arme in meine Hüften und schimpfte: „Wollen Sie mich etwa vergiften? Stehen Sie das erste Mal vor den Kochtöpfen? Die Spaghetti sind völlig versalzen.“ Der Koch sah mich erschrocken an. Erst jetzt schaute ich ihn mir genauer an. Er war einen ganzen Kopf größer, hatte braunes, kurzes Haar und die schönsten blauen Augen, die ich jemals gesehen hatte. Sofort bereute ich meinen Wutausbruch. Schließlich konnte er nichts für meinen miserablen Tag. Aber bevor ich etwas sagen konnte, erwiderte er: „Es tut mir wirklich furchtbar Leid. Ich möchte es gern wieder gut machen, indem ich Sie zu einem gemeinsamen Essen bei mir zu Hause einlade. Ich verspreche, dass es dann schmackhafter sein wird.“
Nun war ich doch etwas verdutzt über sein nettes Angebot. Aber bei diesen wunderschönen Augen, konnte ich die Einladung unmöglich ausschlagen. Martin, der Koch, hatte mein Herz von einer Sekunde auf die andere erobert. Es war doch nicht so ein mieser Tag geworden. Wir tauschten unsere Telefonnummern aus und dabei schaute er mir tief in die Augen: „Ich hoffe, wir sehen uns bald. Ich kann es kaum erwarten."
Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Und auch Martin hatte innerlich gespürt dass er mich treffen würde. Wären sonst die Spaghetti so ungenießbar gewesen? Schließlich heißt es doch, dass verliebte Köche das Essen versalzen.



