Jedes Jahr prämiert die Schule des Schreibens 10 besonders gelungene Einsendeaufgaben. Lesen Sie die prämierten Beiträge der Förderpreisträger 2012.
Der Ring
Zwischen Bauklötzen, Legosteinen und Playmobilrittern glitzert ein Ring auf dem Fußboden des Kinderzimmers. Der milchiggrüne Stein wird von silbernen Kanten umschlossen, in dem Stein flimmern regenbogenfarbene Sprenkel. Ein Zauberring.
Um den Ring gab es viele Tränen. In dem Geschäft sollte ein Geschenk für die Mutter gekauft werden, eine Kette. Sie trägt selten Schmuck, sieht keinen Grund dafür bei der Hausarbeit. Für wen soll sie schön sein? Für sich selbst schön zu sein hat sie noch nicht entdeckt.
Der Sohn hat den Ring an der Kasse entdeckt. Mama, komm mal, beeil Dich, Du brauchst immer so lange, ich will Dir was zeigen. Sieh mal, der ist schön, so einen will ich haben. Und dann: na gut, wenn Mama die Kette bekommt, ist ja nicht so teuer, also für Dich der Ring.
Der Stein des Ringes verfärbt sich, wenn man ihn berührt. Zu Hause wird der Ring in die Sonne gelegt und lila, unter das Wasser gehalten und gelb, in der Faust gehalten und blau. Und immer das schöne Glitzern.
Aber nach zwei Tagen hat sich nichts geändert, Sonne – lila, Wasser – gelb, Faust – blau. Der Ring wird uninteressant und dem Berg heißbegehrter aber unbenutzter Spielsachen hinzugefügt
Jetzt kommt der Junge zur Mutter, den Ring in der Hand. Die Augenbrauen zusammengezogen, die Stirn in steile Falten gelegt aber um den Mund ein leises Lächeln.
Die Mutter merkt, wie sie steif wird, ablehnend. Mit dem Ring will sie nichts zu tun haben. Die Kette hat ihr Leben auch nicht schöner gemacht.
Und der Junge streckt ihr den Ring entgegen und sagt: “Wenn die Mutter den Ring trägt, hat die Familie Glück!“
Die Mutter hält inne, damit hat sie nicht gerechnet. Plötzlich ist sie mit dem Ring verbunden. Er ist kein Spielzeug mehr, sondern ein Amulett.
Sie fragt sich, ob es wirklich Glück bringen kann, wenn sie den Ring trägt. Zögernd steckt sie ihn an ihren Finger. Er ist eng, auch am kleinen Finger und sie mag keine Ringe, schon gar keine engen. Trotzdem behält sie den Ring am Finger. Sie möchte der Familie Glück bringen. Der Ring erscheint ihr jetzt wertvoller als ihre Kette, die Kette macht nur schön.
Sie schaut den Sohn liebevoll an, spricht und spielt mit ihm.
Nach einer Weile kehrt sie zurück an ihre Arbeit, kocht, putzt, räumt auf. Der Ring ist immer an ihrer Hand, sogar beim Sport oder unter der Dusche.
Dann kommt ein besonders heißer Tag, die Finger schwellen an, es wird unerträglich, den Ring zu tragen. Die Mutter versucht es noch eine Weile, malt sich aus was passieren könnte, wenn sie ihn abnimmt. Versucht, über ihren Aberglauben zu lachen, macht schließlich den Ring ab, nur für heute.
Der Tag vergeht und nichts passiert. Noch hält die Mutter die Idee fest, dass der Ring Glück bringen kann. Das sie selbst eine Rolle spielt. Sie nimmt den Ring immer wieder in die Hand, dreht ihn herum, schaut, wie sich die Farbe verändert. Dann kommt wieder die Arbeit, kochen, putzen, aufräumen. Der Ring liegt auf dem Fensterbrett in der Küche, sie sieht ihn jeden Tag, hat ein schlechtes Gewissen, weil sie ihn heute wieder nicht getragen hat. Es ist so heiß. Morgen.
Für den Sohn hat sie wieder weniger Zeit, die Arbeit ist ja da, muss ja getan werden, er weiß doch, dass sie ihn liebt, ist bestimmt glücklich.
Dann verschwindet der Ring unter Kinderzeichnungen und Wäscheklammern, und als der Sohn ihn wieder mitnimmt in sein Zimmer, fällt es ihr nicht mehr auf.
Nach einigen Monaten sieht sie im Zimmer des Sohnes den Ring zwischen Legosteinen, Playmobilrittern und Bauklötzen glitzern. Sie kniet zwischen den Spielsachen nieder, nimmt den Ring in die Hand und weiß, dass sich auch diesmal nichts ändern wird.



