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Knock-Out

Man hätte durchaus sagen können, dass es im Leben der beiden Brüder Friedrich „Schlumpf“ und seinem Bruder Theodor „Verleihnix“ Raufner schon bessere Tage gegeben hatte. Als Kleinkriminelle in der Frankfurter Szene eher belächelt als gefürchtet, hatten sie sich am Nachmittag am Stadion beim Pokalspiel Eintracht Frankfurt gegen Newcastle United mit dem Schwarzhandel von Eintrittskarten versucht, dabei jedoch die bittere Erfahrung gemacht, dass Schwarzhandel mit gefälschten Karten keine gute Idee ist. Sie hatten die angeblich originalen Karten einem Mehmet Suleyman abgekauft, den sie auf einer Sauftour am Vortag kennengelernt hatten und dann mit Gewinn an ein paar Kerle weiterverkauft. Die hatten es leider gar nicht lustig gefunden, beim Einlass abgewiesen zu werden und es war reines Pech, dass diese Kerle den beiden dann noch auf dem Weg in die Innenstadt über den Weg gelaufen waren. Sie hatten ihr Geld wiedergewollt und vor allem Schlumpf hatte von der Begegnung einen Wackelzahn und ein blaues Auge davongetragen. Aber immerhin war ihnen ein Rendezvous mit der Polizei erspart geblieben und vor allem Verleihnix, der gerade erst ein paar Monate in der Obhut der Strafvollzugsantalt Nordhessen wegen eines missglückten Autodiebstahls absolviert hatte, wusste dieses zu schätzen. Dass sie danach noch in der Kneipe ihr restliches Geld beim Billiard verloren hatten, fiel da kaum mehr ins Gewicht.

Sie waren schon lange genug im Geschäft um zu wissen, dass sich so ein Blatt auch schnell wenden konnte. So dachte Verleihnix, als sie im Stadtteil Sachsenhausen an einem Geschäft vorbeiradelten, das „Frisches Denken für bessere Autos“ anpries. Das schienen sie wörtlich zu nehmen, denn das Fenster zum Büro war offen, es war Freitag Nacht, weit und breit war niemand zu sehen. Er pfiff leise, und machte im Halbdunkeln eine Geste in Richtung des offenen Fensters. Sie hielten an, schauten sich kurz um und horchten in die lautlose Nacht. Der Fall war klar, sie waren zu sehr aufeinander eingespielt, als dass sie viele Worte gebraucht hätten. Verleihnix half Schlumpf durch das Fenster zu klettern und stand Schmiere während dieser sich im Büro umsah. Er lauschte gespannt, doch außer von seinem Bruder, der das Büro durchsuchte, war nichts zu hören. Schon bald pfiff Schlumpf leise und reichte ihm eine schwere Tasche durch das Fenster. Vielleicht war es Münzgeld, vielleicht ein Laptop Computer oder ein Faxgerät: Verleihnix war es zufrieden, es versprach ein profitables Ende eines bisher verlustreichen Tages zu werden.

Alles wäre wohl gut gegangen, hätte nicht die Eintracht 2:1 gewonnen und so halb Frankfurt und ganz besonders einen gewissen Manni Bergmann in Ekstase versetzt. Ein athletischer, kräftiger Mann von ungefähr 40 Jahren, war er in seiner Jugend Hessenmeister im Mittelgewicht gewesen, bevor er dann in Sachsenhausen das Autohaus seines Vater übernommen hatte. Er war ein von Natur aus braver Ehemann und wäre schon längst um diese Zeit zu Hause bei den seinen gewesen, nur hatte eben Frankfurt überraschend gewonnen und so hatte er noch mit Freunden im „Eintracht Eck“ mächtig gefeiert. Die Eintracht-Kappe auf dem Kopf und den Eintracht-Schal um den Hals kam er „Den Adler auf der Brust“ singend leicht schwankend um die Ecke zu seinem Geschäft geradelt, als er Schlumpf sah, der dort gerade aus dem Bürofenster seines Autohauses stieg. Manni hatte vielleicht schon ein paar Bierchen zu viel getrunken, doch war ihm sofort klar, dass merkwürdige Gestalten, die um diese Uhrzeit aus den Bürofenstern von Autohäusern klettern, selten Gutes im Schilde führen. Ohne lange nachzudenken stieg er von seinem Rad und stürmte „Ey ihr Aaschlöschä“ rufend mit geballten Fäusten auf die beiden zu. Wenn auch zahlenmäßig überlegen, müssen sich die beiden Brüder sich gefühlt haben wie seinerzeit ein gewisser Michi Schramm, den Manni gut 20 Jahre vorher im Finale der Hessenmeisterschaft in der 2. Runde durch KO besiegt hatte. Sie ergriffen erst ihre Fahrräder und dann die Flucht, hatten jedoch nicht mit Manni gerechnet, der, obwohl fast so alt wie die beiden zusammen, sie mit einem kurzen Spurt einholte.

Der Kampf der folgte war kurz und eindeutig. Manni verzichtete großzügig darauf die Polizei zu holen, doch für die beiden Brüder war die Niederlage ohnehin komplett: nicht nur hatten sie ihre Beute Manni zurückgeben müssen, auch ansonsten sah es nicht gut aus mit den beiden. Nach dem Spiel ist bekanntlich vor dem Spiel, doch waren die beiden froh, dass dieser Tag endlich vorbei war. Schlumpf hatte seinen Zahn endgültig eingebüßt. Er spuckte ihn aus, rappelte sich vom Boden auf und schaute aus zwei geschwollenen Augen Verleihnix an:

„Scheiß’ Fußball!“

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